Manfred Karreman: Es geschieht am helllichten Tag.
Köln: DuMont Buchverlag 2007
Auszüge
Es geschieht am helllichten Tag.
Die verborgene Welt der Pädophilen und wie wir unsere Kinder vor Missbrauch schützen
Wenn ein Kind spurlos verschwindet und wieder einmal Hundertschaften der Polizei die Wälder um den Wohnort eines kleinen Mädchens oder Jungen durchkämmen, kommen Ängste auf. Eltern fragen sich, wie groß die Gefahr für die eigenen Kinder ist, dass jemand diese auf dem Schulweg ins Auto zerrt oder am Spielplatz entführt. In den Medien ist pauschal von »Kinderschändern« die Rede. Aber was sind das für Leute, die sich an Kindern vergreifen? Und wie gehen sie vor? Wie kann man die eigenen Kinder schützen?
Menschen, die pädophil veranlagt sind, wie Psychologen das nennen, begehren ein Leben lang Kinder – wie andere Menschen Frauen oder Männer. Das Wort pädophil ist insofern problematisch, als es eigentlich nur kinderlieb bedeutet. Gemeint sind aber damit Menschen, deren sexuelle Neigung Kindern gilt. Meist sogar ausschließlich Kindern, kleinen Mädchen oder Jungen. Konrad, ein 54-jähriger Rentner aus Berlin, bringt es auf den Punkt:
»Da können im Schwimmbad noch so tolle Mädchen oder Frauen vorbeilaufen, die würdigst du mit keinem Blick, aber sobald da so ein Knabe … und auf einmal gehen deine Augen.«
Doch Pädophile sind überall dort, wo auch Kinder sind: auf dem Spielplatz, im Kindergarten, im Schwimmbad, im Sportverein und an Schulen.
Vielleicht kommt Ihr Kind nie mit einem Pädophilen in Kontakt. Falls doch, würden Sie ihn wahrscheinlich nicht so schnell durchschauen. Denn die meisten der »fremden Onkels« zerren keine Kinder ins Auto und lauern auch nicht hinter einem Busch. Sie gebrauchen keine Gewalt und versuchen es auch längst nicht mehr mit Süßigkeiten, um mit Kindern in Kontakt zu kommen.
Oliver Knecht vom Landeskriminalamt Berlin beschreibt die »übliche« Vorgehensweise sehr treffend: »Tatsache ist, dass die Anwendung von Gewalt eher die Ausnahme ist. Stattdessen probieren die Täter mit einer durchaus vorhandenen, zum Teil sehr starken sozialen Intelligenz, die Kinder und dann auch zum Teil deren Umfeld, zum Beispiel die Eltern oder eben einen allein erziehenden Partner, mit in diese Beziehung einzubinden.«
Wie im Allgemeinen der Erstkontakt zu Kindern aufgenommen wird, hängt natürlich von Alter und Geschlecht der Kinder ab. Jungen sind die »leichteste Beute«.
»Also praktisch über diese Tischtennisschläger, so nach dem Motto: wollt ihr mitmachen und so … Oder Boccia, da spielst du sowieso keine fünf Minuten alleine, schon kommen die ersten Jungs und wollen da mitmachen, tja, und schon sind die Kontakte da.«
Markus (22), über Erstkontakte zu Jungen
»Wir haben Fußball gespielt, und Sascha und Markus, die haben uns dann gefragt, ob wir zusammen ein Spiel machen, und wir haben ja gesagt. Sascha hat dann gesagt, ich wohne in der xy, in der vierten Etage, und er hat gemeint, wenn es uns langweilig ist oder es regnet, können wir mal hochkommen, PC spielen, wir sind dann auch hochgegangen …« Kevin (11), darüber, wie er in Kontakt mit einer Pädophilen-Clique kam, als er zehn war
Die Folge dieser scheinbar harmlosen Bekanntschaft: ein Jahr lang sexueller Missbrauch.
»Das hätte ich nie vermutet. Einen Kinderschänder habe ich mir ganz anders vorgestellt. Man wollte den Kindern das ermöglichen, die Unternehmungen und so. Die Männer waren so nett, und die Kinder sind ja auch immer wieder hingegangen und haben nie was gesagt, dass da was nicht stimmt. Bei einem Mädchen hätte ich mir schon was gedacht, aber bei Jungs? Es waren ja auch immer mehrere Jungs dort in der Wohnung.« Die Mutter von Kevin, nachdem sie auf dem Landeskriminalamt Berlin erfahren hat, dass ihr Sohn über ein Jahr lang missbraucht wurde
Kevins Mutter wusste natürlich nicht, dass sich die pädophile Szene an eine Grundregel hält: sich mit den Eltern oder der Mutter eines Kindes bekannt zu machen.
weiter: Wie wir unsere Kinder schützen