Lang wie eine Bohnenstange
Alexandra reißt die bunten Haarspangen aus dem zurückgesteckten Haar, lässt es offen fallen.
Es reicht noch nicht einmal bis zur Schulter. Es ist nicht lang und auch nicht kurz und überhaupt nicht schön.
»Bah!!« macht Alexandra zu ihrem Spiegel-Gesicht. Die Haare sehen aus wie die dünnen fransigen Strähnen ihres Windhundes Coco.
Zu einem Windhund passen sie.
Zu Alexandra nicht.
Nicht einmal eine richtige Farbe hat Alexandras Haar. Es ist nicht blond und nicht braun. Es ist dunkelblond bis hellbraun.
Wütend packt Alexandra das nasse Seifenstück vom Waschtisch und schmiert den Spiegel voll, dicke rosa Seifen-Streifen quer über ihr Gesicht.
Alexandra kann sich selbst nicht leiden.
Auch nicht ihre wasserblauen Augen.
Dunkelbraune würde sie sich wünschen, wie sie ihre Freundin Manuela von nebenan hat.
Schlimmer als die Windhundhaare und die wasserblauen Augen aber ist Alexandras Körperwuchs. Sie ist um einen ganzen Kopf größer als der größte Junge in der Klasse! Erst gestern hat der Papa wieder festgestellt: Die Alexandra wächst wie eine Bohnenstange! Lang und immer länger!
Und was werden erst die Verwandten sagen, die Alexandra schon länger nicht gesehen haben:
»Die ist aber groß geworden! Du meine Güte! Kind, du wächst uns ja bald allen über den Kopf!«
Gerade dass sie nicht sagen: »Hallo, Giraffe, wie geht’s!?«
Dann träumt Alexandra in der Nacht, dass sie ganz kleine Füße hat und kurze Beine, aber einen langen, langen Hals, wie ein Kirchturm, und hoch oben balanciert sie einen kleinen Kopf. Sie läuft über einen Platz, und viele Menschen sind hinter ihr her, aber sie kann sich nirgends verstecken.
Ganz schlimm ist es, wenn Leute auf Besuch kommen, die Alexandra noch nie gesehen haben.
»Aha«, sagen sie gewöhnlich zu Mama, und dann folgt eine kleine Pause. »Das ist also deine Tochter.« Es klingt wie: Das ist also das Kamel, von dem man in der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis spricht.
Alexandra übertreibt ein bisschen. Weil sie sich selbst nicht leiden kann, denkt sie ihre eigene Vorstellung von sich in andere Menschen hinein.
Alexandra ist zwar groß für ihr Alter, aber sie ist keine Giraffe, kein Kamel und auch kein Dinosaurier. Den Dinosaurier hat sie sich gerade dazugedacht.
Dabei möchte sie heute besonders hübsch aussehen. Für den lustigen Onkel Ralph, der nach vier Jahren wieder zu Besuch nach Wien kommt. Onkel Ralph lebt in London und ist mit Mamas Schwester verheiratet.
Auch er wird bei Alexandras Anblick sicher sagen: »Das ist also die kleine Alexandra von damals?«
Sie hat wirklich nichts, was man auf den ersten Blick liebhaben kann. Sie ist nicht klein und zierlich wie Manuela von nebenan. Und hat auch keine dunklen Augen und keine schönen Haare wie die haselnussbraunen von Manuela. Alexandra ist eine Bohnenstange, und Bohnenstangen sind nicht liebenswert.
Zu Bohnenstangen ist außer Papa und Mama auch niemand zärtlich.
Alexandra kann den Unterschied zu Manuela von nebenan sehr gut sehen: Wenn die herüberkommt, und sie haben gerade Besuch, kriegt der Besuch gleich strahlende Augen, obwohl sie gar nicht zur Familie gehört.
Manuela nimmt man um die Schulter, man fährt ihr sogar übers Haar und fragt sie, wie sie heißt, als wäre das besonders wichtig.
Alexandra hat sich im Zeichenunterricht vergangene Woche selbst darstellen sollen. Aber das Blatt Papier ist zu klein gewesen. Sie hatte am unteren Rand mit den Füßen begonnen und war erst bei der Stirn angelangt, als das Papier oben schon zu Ende war. Da ist kein Platz mehr für die Haare gewesen. So erhielt Alexandra eine Glatze.
Seit neuestem hat sie sich auch noch eine schlechte Haltung zugelegt: ein wenig vorgeneigt, die Schultern leicht zusammengezogen, den Rücken etwas gebeugt. In dieser Haltung schaut Alexandra gut zwei Zentimeter kleiner aus, als sie wirklich misst.
Wenn sie in der Klasse an die Tafel gerufen wird, zieht sie sogar eine Spur den Kopf ein, geht in ihrer neuen »Zwei-Zentimeter-Spar-Haltung« nach vorn. Mit rotem Kopf steht sie vor dem schwarzgrünen Rechteck und kommt sich als einzige Stehende unter den 23 Sitzenden noch größer vor als sonst. Deshalb knickt sie auch noch unmerklich in den Knien ein, was wiederum einen halben Zentimeter bringt.
Alexandras Selbstbewusstsein tut der halbe Zentimeter gut.
Mama deckt den Tisch für Onkel Ralphs Ankunft.
»Manuela soll heute nicht herüberkommen, wenn Onkel Ralph da ist! Heute wollen wir einmal allein sein«, sagt Alexandra.
Die Mama zupft ein gelbes Blatt von einer Rose. »Ich find’s auch besser so. Wo der Ralph gerade erst ankommt. Aber sag…« – die Mama wendet sich Alexandra zu –, »hast du dich mit der >Manni< gezankt?«
»Nein … ja«, sagt Alexandra. Sie will auf keinen Fall den wirklichen Grund sagen: Dass Manuela dunkelbraune Augen hat und haselnuss braunes Haar, und dass sie klein und herzig ist. Onkel Ralph sollte sie erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Jedenfalls nicht gleich.
»Ist es schlimm?« fragt die Mama. »Die >Manni< ist doch immer so lieb, was habt ihr denn, ihr zwei?«
»Ach, gar nichts.« Alexandra verlässt schnell das Wohnzimmer.
»Manni« … Das ist auch wieder so eine üble Sache. Manuela ist viel schöner als dieser dumme Kosename. Der ist sogar richtig blod. Aber immerhin. »Manni« … ist ein Streichelname, etwas für kleine, liebe, zarte Mädchen.
Alexandra wird nur von ihren Eltern »Sandra« gerufen. Keiner sonst kommt auf die Idee, ihr einen kurzen Namen zu geben. Zu einer langen Bohnenstange passt ein langer Name mit vielen Buchstaben ohnehin wie angegossen.
*
»Nimm doch die Haarspangen!« rät Alexandras Mutter, als ihre Tochter wieder ins Zimmer zurückkehrt. »Dann sehen deine Haare wenigstens ordentlich aus. Falls das Flugzeug aus London pünktlich gelandet ist, kann der Papa mit Onkel Ralph jeden Augenblick da sein!«
»Mit den Spangen seh’ ich blöd aus!« Alexandra hat plötzlich Tränen in den Augen. Die Mama sieht es nicht, weil sie mit dem Rücken zur Tochter den Tisch deckt. Plötzlich hat Alexandra auch eine furchtbare Wut auf ihre tischdeckende Mama, die die Servietten zu hellblauen Fächern faltet und die Blumen in der Vase ordnet, dass sie von allen Seiten hübsch aussehen.
Ich kann an mir herumzupfen so viel ich will, denkt Alexandra. Mit oder ohne Spangen, ich seh immer gleich blöd aus.
Da! Das war doch Onkel Ralphs Stimme! Sein rollendes lustiges Englisch! Gleich wird die Tür aufgehen!
Alexandra huscht ins Bad, schnappt die rosa Blumenspangen. Klemmt sie sich auf beiden Seiten ins Haar.
Wenigstens die Spangen sind schön!
»Hallo!« ruft Mama und umarmt ihren Schwager. Onkel Ralph stellt den dicken schwarzen Koffer ab, lässt die Sporttasche, aus der ein Tennisschläger ragt, von der Schulter rutschen.
»Great to be back home«, ruft er aus, als wäre er hier und nicht in England zuhause. Mit Onkel Ralph fühlt man sich gleich wohl! Er lacht viel und weiß eine Menge guter Witze. Sogar Witze für Kinder.
Er sieht braun gebrannt aus, sein Schnurrbart ist an den Seiten länger geworden, so dass er ein bisschen wie ein Seehund aussieht.
Alexandra beobachtet Onkel Ralph vom Halbdunkel der Diele aus, in der sie sich versteckt hält, bis sie sich entschließen wird, den Onkel zu begrüßen. Früher, als sie noch klein war, ist sie mit ausgestreckten Armen auf ihn zugerannt.
Heute ist ihr nicht nach Rennen zumute.
Vielleicht erschrickt Onkel Ralph, wenn so etwas Langes auf ihn zuläuft.
Eine Bohnenstange läuft nicht.
»And where is little Alexandra?« fragt Onkel Ralph und schaut sich suchend um. Alexandra zuckt zusammen.
»Tja«, sagt der Papa, aber nicht ohne Stolz. »Du wirst staunen. Aus der >little Alexandra< ist eine große Alexandra geworden. Ich hoffe, lieber Ralph, du sprichst ab heute wieder deutsch, einverstanden? Mein Englisch reicht nicht über good morning und good evening hinaus.«
»Okay! Also wo ist Alexandra?« So wie Onkel Ralph es ausspricht, klingt es wie Alläxandrwa!
Langsam taucht sie aus dem Halbdunkel auf, kommt in ihrer »Zweieinhalb-Zentimeter-Spar-Haltung« auf den Onkel zu.
Er breitet die Arme aus, überschwänglich vor Freude. Es ist schön, weil Onkel Ralph sie genauso fest »zerdrückt« wie damals.
»My goodness!« staunt er. »What a big girl! Was für ein großes Mädchen du geworden bist!«
Alexandras Mundwinkel zucken; neigen sich abwärts.
»Like a Mannequin!!« fügt Onkel Ralph strahlend hinzu.
So wie der Onkel das fremde Wort ausspricht, kann es nichts Schlimmes bedeuten: keine Giraffe, kein Dinosaurier.
Er sagt: Mann’ken, wobei er die beiden letzten Buchstaben durch die Nase spricht, als hätte er Schnupfen.
Die Mama lacht, weil sie Alexandras verdutzten Gesichtsausdruck bemerkt hat. »Mannequin ist französisch«, erklärt sie. »Ich habe dir doch einmal erzählt, dass meine Schwester Deborah früher Modellkleider vorgeführt hat. Das war ihr Beruf. Sie war ein Mannequin.«
»Aha«, sagt Alexandra.
Bevor sie noch weiterreden kann, dreht Onkel Ralph sie rundherum, betrachtet sie von allen Seiten und drückt ihr einen kitzelnden, piksenden Schnurrbartkuss auf die Stirn.
»Ich versichere euch«, wiederholt er, »sie wird einmal genau wie meine Deborah aussehen! Sie hat sogar die gleichen hellblauen Augen! Beautiful blue eyes!!«
Alexandra wundert sich nicht schlecht. So eine Überraschung! Sie reißt die wasserblauen Augen auf, weil sie dann noch blauer aussehen und sicher noch schöner sind.
Der Papa tätschelt Alexandra die Wange. Das tut er immer, wenn er stolz auf sie ist, aber Alexandra kann es nicht leiden. Sie ist doch kein Baby mehr. Jetzt schon gar nicht.
Sie ist ein zukünftiges Mannequin.
»So, und jetzt jausen wir erst einmal, du musst dich von der Reise erholen«, sagt die Mama.
»Oh ja«, ruft Onkel Ralph begeistert. »Die gute Wiener Jause mit Äppelstrjudel!«
»Apfelstrudel heißt das«, sagt der Papa.
»Komm«, ruft Onkel Ralph Alexandra herbei. »Setz dich neben mich!«
Während der Jause blüht Alexandra richtig auf, wie eine wunderschöne Bohnenstange, die ganz gerade wächst, mit vielen weißen Knospen. Alexandra fühlt sich ganz neu.
Onkel Ralph hält auch die ganze Zeit ihre Hand, außer wenn er mit dem Daumen ein Apfelstrudelstück auf die Gabel schiebt.
»Bei uns«, sagt er – und meint London –, »sind viele Mädchen groß. Groß und schlank, genau wie Alexandra. Aber nicht halb so schön!« Er zwinkert mit dem linken Auge. »Aber die Wiener«, sagt er, »die sind doch alle Zweiglein!«
»Zwerglein!« verbessert ihn der Papa.
Nach dem Kakao steht Alexandra auf und geht mit geradem Rücken und geraden Schultern mit ihren wiedergewonnenen zweieinhalb Zentimetern ins Bad.
Sie geht direkt zum Spiegel und wischt mit einem feuchten Handtuch die Seifenstreifen fort.
Das Spiegelbild Alexandras wird immer klarer. Sie kann ihre hellen, wasserblauen Augen sehen und strahlt sich selber an.
Alexandra nimmt die Spangen aus dem Haar. Die braucht sie nicht. Sie ist auch so hübsch.
Und Onkel Ralph ist ganz ganz lieb zu ihr gewesen und hat ihre Hand festgehalten und gesagt, dass sie schön ist. Und in London sind alle groß. Und schlank.
Meinetwegen, denkt Alexandra, kann die Manuela jetzt herüberkommen. Ein Mannequin wird die keines!
Evelyne Stein-Fischer: 13 Geschichten vom Liebhaben.
München: DTV Junior, 1990