Das Mädchen ohne Namen
Einmal trieb ein kleines Mädchen auf einer großen Eisscholle über das Meer. Das Mädchen war allein und hatte sich verirrt.
Mit der Zeit wurde das Eis weniger: es schmolz.
Das Mädchen war hungrig und durchfroren und übermüde.
Als das Eis nicht mehr länger trug, bargen Fischer das Mädchen in ihren Netzen.
„Wie heißt du?” fragte der Kapitän. Aber das Mädchen verstand seine Sprache nicht.
Man brachte das Mädchen zum Chef der Polizei. Doch der konnte auch nicht feststellen, aus welchem Lande sie war. Sie verstand kein Wort. Und sie hatte keinen Pass.
Der Polizeichef führte das Mädchen vor den König des Landes und erklärte, er wisse nicht, woher und wer sie sei.
Der König dachte eine Zeitlang nach. Dann sagte er: „Sie ist ein Kind. Man soll sie behandeln wie alle Kinder”.
Aber das war schwierig. Alle Kinder in diesem Lande hatten einen Namen. Nur sie nicht … und jeder wusste, zu welcher Nation er gehörte. Nur sie nicht.
Sie war anders als die Kinder dieses Landes. Ihr gefielen andere Sachen…
Und obwohl alle sie gern hatten und gut zu ihr waren, wurde es nicht anders mit ihr…
In dieser Zeit wurde der Sohn des Königs sehr krank.
Die Ärzte sagten: „Er muss eine Blutübertragung haben. Wir müssen jemanden finden, der die gleiche Blutgruppe hat wie er.”
Alle Leute im Lande ließen ihr Blut untersuchen …, aber niemand hatte das gleiche wie der Prinz Luis Alberto.
Der König war unendlich traurig. Sein Sohn wurde immer kränker.
Niemand hatte das fremde Mädchen zur Blutprobe aufgefordert. Aber sie gab auf alles acht und ahnte, was geschah.
Sie dachte daran, dass alle in diesem Lande gut zu ihr waren. Und sie ging freiwillig und bot ihr Blut an.
Und tatsächlich war das Blut des fremden Mädchens das einzige, was den Prinzen gesund machen konnte.
Der König war so froh, dass er zum Mädchen sagte: „Jetzt sollst du einen Pass von meinem Land haben. Du sollst Luisa Alberta heißen und meinen Sohn heiraten.”
Das Mädchen verstand den König nicht. Doch auf einmal verstand der König das Mädchen, das kein Verlangen hatte, Luisa Alberta zu heißen und zu seinem Lande zu gehören.
Sie wollte in ihr eigenes Land zurückkehren und mit ihrem eigenen Namen gerufen werden und in ihrer eigenen Sprache sprechen und, vor allem, bei ihren Leuten leben.
So kam es, dass der König Boten ausschickte, die sollten in der ganzen Welt suchen … und sollten nicht eher umkehren, bis sie das Land und die Leute des Mädchens gefunden hätten.
Nach geraumer Zeit kam ein Bote, der am Pol gewesen war, mit der Familie des Mädchens zurück.
Endlich sah das Mädchen Eltern und Geschwister wieder. Sie waren sehr traurig gewesen, seitdem sie fort war.
Alle erfuhren jetzt, dass sie Monoukaki hieß und eine Polarprinzessin war. Ob sie aber den Prinzen Luis Alberto heiraten würde, konnte noch niemand wissen. Denn zum Heiraten waren die beiden viel zu jung.
Irmela Wendt: Das Mädchen ohne Namen.
Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwam, 1978