Mein Großvater hat ganz schön viel erlebt, als er noch klein war. Zumindest erzählt er das. Und wenn mein Großvater das erzählt, dann stimmt es auch.
Einmal hat er in seinem Zimmer eine Schublade mit Wasser gefüllt.
Das hat schön ausgeschaut.
Leider wollte das Wasser nicht lange in der Schublade bleiben. Es wollte lieber zum Meer.
Einmal hat er einen Honigkuchen gegessen, der so süß war, dass ihm eine Woche lang eine Biene gefolgt ist. Überallhin. Sogar aufs Klo.
Einmal hat mein Großvater einen roten Knopf in seinem Nabel entdeckt.
Als er ihn drückte, da sprühten plötzlich rote Funken aus seinen Ohren.
Einmal hat er beim Fußballspielen den Ball so hoch in den Himmel geschossen, dass er eine Regenwolke getroffen hat.
Da hat es so stark zu regnen begonnen, dass das Spiel abgebrochen werden musste.
Manchmal kann ich das alles gar nicht glauben, was mein Großvater mir erzählt. Weil er schon so müde und alt aussieht. Aber, wenn er sagt, dass es so war, dann war es auch so.
Er zeigt mir gern Fotos von früher. „Schau, was ich für rote Wangen gehabt habe!“, ruft er.
Und dann erzählt er mir von der Schule und vom Krieg und von seinen Abenteuern.
Einmal hat mein Großvater beim Spazieren gehen ein Paar Flügel im Wald gefunden.
Er ist schnell eine Runde geflogen, dann hat er sie wieder zurück ins Gras gelegt.
Einmal wollte er Lilli, seine Freundin aus dem Nachbardorf, besuchen.
Da hat er einfach eine Brücke über den Fluss gebaut. Er ging über die Brücke und fragte sie:
„Willst du ein Bonbon?“ Sie wollte eines.
Heute ist Lilli meine Oma.
Einmal hat er im Winter auf einem Berg einen Schneemensch getroffen.
Er hat ihm seine Zipfelmütze geschenkt, und dann sind sie gemeinsam auf dem Schlitten zum nächsten Wirtshaus gefahren.
Einmal – im Krieg – da wollte mein Großvater nur noch nach Hause.
Da ist er mit dem Fallschirm abgesprungen und genau auf seinem Schaukelstuhl im Garten gelandet.
Einmal hat main Großvater in einer Höhle eine neue Tierart entdeckt.
Damit die schönen, seltenen Tiere in Ruhe gelassen werden und nicht ständig von allen gestört werden, hat er es niemandem verraten.
Nur mir.
Einmal ist mein Großvater so müde gewesen, dass er siebenundzwanzig Tage und Nächte lang durchgeschlafen hat.
Er hat gesagt, dass er im Traum eine Weltreise gemacht hat, und es hat eben so lange gedauert, bis er einmal rundherum war.
Ab seinem 80. Geburtstag ist mein Großvater immer durchsichtiger geworden. Dafür hat er seine roten Wangen von früher wieder bekommen.
Er wurde so durchsichtig, dass ich durch ihn hindurchsehen kann .
Manchmal versteckt er etwas hinter seinem Rücken, und dann muss ich raten.
Aber das ist leicht.
Inzwischen ist mein Großvater so durchsichtig, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob er überhaupt noch da ist.
Die anderen sagen: „Großvater? Ach, der ist doch schon vor einem Jahr gestorben!“
„Na und wenn schon!“, ruft dann mein Großvater. „Wen störts?“
Und dann erzählt er mir eine Geschichte.
Und noch eine.
Und ich krieg rote Wangen vom Zuhören, und wir haben viel Spaß.
Heinz Janisch: Rote Wangen.
Berlin, Aufbau-Verlag 2005