Die Geschichte vom Mann, der das Kaninchen malte
Es war einmal ein Mann, der tat nichts lieber als malen.
Er malte die Vögel.
Er malte die Hasen.
Er malte die Fische im Bach.
Die Nachbarn und Freunde und alle Kinder im Dorf lobten den Mann und sagten: „Die Tiere, die du gemalt hast, sehen wie wirkliche Tiere aus.“
Der Mann wurde stolz.
Er dachte: „Niemand auf der Welt kann Tiere so malen wie ich. Ich wünsche mir, dass meine Tiere lebendig werden.“
Da wurden die gemalten Tiere lebendig.
Die Vögel breiteten die Flügel aus.
Die Fische fächelten mit ihren Flossen.
Die Hasen stellten die Ohren auf und schnupperten mit Schnuppernasen.
Sie sprangen von den Bildern.
„Na also“, sagte der Mann und freute sich.
Als er aber genauer hinsah, erschrak er.
Die Vögel flatterten mit müden Flügeln, sie konnten sich nicht vom Boden schwingen.
Die Fische, die in den Bach gesprungen waren, schwammen mit den Bäuchen nach oben.
Die Hasen schleppten jeder ein krummes Beinchen nach.
Der Mann weinte, als er die armen Tiere sah. Er sagte: „Ich habe sie nicht gut genug gemalt. Mein Wunsch soll erst in Erfüllung gehen, wenn ich gut genug malen kann.“
Der Mann fing wieder zu malen an. Er malte von früh bis spät.
Er plagte sich dabei wie ein Bauer auf dem Feld, wie ein Arbeiter im Steinbruch, wie ein Ochse vor dem Wagen. Wenn die Nachbarn ihn lobten, schüttelte er den Kopf.
„Es ist noch nicht gut genug“, sagte er.
Der Mann wurde älter. Er wurde alt. Er vergaß seinen Wunsch.
Er malte die Sonne, und während er sie malte, freute er sich, dass es sie gab.
Er malte die Steine, und während er sie malte, freute er sich über sie.
Er wurde der berühmteste Maler im ganzen Land.
Sein Garten war voller Kinder, die sahen ihm beim Malen zu, und er zeigte ihnen, wie schön die Dinge sind.
Eines Tages kam ein kleines Mädchen zu ihm. Das Mädchen sagte: „Ich bin traurig, und weißt du warum? Alle anderen Kinder haben Tiere, die man streicheln und liebhaben kann. Nur ich habe keines. Ich hätte so gern ein Kaninchen. Kannst du mir ein Kaninchen malen, dann hab ich wenigstens ein Bild–?“
Der alte Mann nahm seinen Pinsel und malte ein Kaninchen.
Das kleine Mädchen sagte: „Mal ihm noch einen schwarzen Fleck auf die Nase. Dann ist es genauso, wie ich es mir wünsche.“
Der alte Mann malte dem Kaninchen einen schwarzen Fleck auf die Nase, da spürte er, wie die Nase lebendig wurde.
Die Nase schnupperte. Die langen Ohren regten sich, und ein Zittern lief über das Fell. Das Kaninchen drehte den Kopf nach dem Mädchen. Dann sprang es mit einem großen Satz vom Bild herab und dem Mädchen in die Arme.
Das Mädchen drückte sein Gesicht auf das weiche Fell.
„So ein schönes, liebes Kaninchen“, sagte es. „Danke“. Und es lief mit dem Kaninchen davon und war so glücklich, dass es sich kein einziges Mal nach dem alten Maler umsah.
Der saß still vor seinem Tisch, so friedlich, als sei er eingeschlafen.
Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.)
Jakob und Katharina
Wien, Herder Verlag, 1986