Willi Fährmann: Roter König – weißer Stern – Die Legende vom Vierten König
Würzburg, 1991, Arena Verlag
Roter König – weißer Stern
Die Legende vom Vierten König
Viele Menschen, große und kleine, kennen die Geschichte der Heiligen Drei Könige. Eines Tages brachen diese Männer auf. Der eine lebte im fernen Asien, der andere war ein schwarzer König mitten in Afrika, und der dritte hatte eine weiße Haut und mag in Rom, in Byzanz oder auch ganz nahebei zu Hause gewesen sein. Ihre Namen sind wohlbekannt. Sie heißen Kaspar, Melchior und Balthasar. Sie hatten einen neuen Stern gesehen und folgten seinem Lauf.
Der Stern führte sie in das Land Juda bis vor eine Stadt mit Namen Bethlehem. Dort fanden sie den, den sie suchten. Er wohnte jedoch nicht in einem Königspalast. Der Stern brachte die Heiligen Drei Könige zu einem Stall. Bei Ochs und Esel war der neue König geboren worden. Kaspar, Melchior und Balthasar beugten ihre Knie und schenkten dem Kind ihre Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Wie gesagt, viele Menschen, große und kleine, kennen diese Geschichte. Was aber von dem Indianerhäuptling Silbermond zu erzählen ist, das ist weit weniger bekannt.
Häuptling Silbermond und sein Stamm lebten am Rande eines Berglandes im weiten Amerika. Eines Morgens war Silbermond schon sehr früh aufgestanden und stieg auf einen nahegelegenen Hügel. Gerade war der Tag aufgewacht und begann die Nacht zu verjagen.
Der Häuptling schaute zum Himmel empor. Allmählich verblaßten die Sterne. Er wartete auf den ersten heißen Atem der Sonne, der jeden Morgen die Berggipfel fern am Horizont aufglühen ließ. Aber statt dessen erblickte er einen funkelnden Stern über den Bergen, ganz weiß und gleißend. Der Stern zog einen leuchtenden Goldschweif hinter sich her.
Der Häuptling hatte schon manche Nacht auf dem Hügel über der Siedlung zugebracht. Er kannte sich gut aus mit den Sternen, doch etwas Ähnliches hatte er zuvor nie gesehen. Er schaute und schaute, bis sich der Stern endlich hinter den Bergen niedersenkte.
Die Sonne stieg empor, und der neue Tag nahm seinen Lauf. Dem Häuptling aber ging der Stern nicht mehr aus dem Sinn. Auch in der folgenden Nacht verließ Silbermond schon früh sein Haus und begab sich auf den Hügel. Er richtete den Blick zum Himmel. Und wieder zog der Stern seine weite Bahn.
Genauso geschah es in den folgenden Nächten. Da erfaßte den Häuptling eine große Sehnsucht. Silbermond rief sein Volk zusammen und sagte:
»Ihr wißt es alle wohl, der, der die Sterne lenkt, hat jedem Menschen einen Stern am Himmel gegeben. Aber es ist ein neuer, ein ganz besonderer Stern aufgegangen. Er überstrahlt alle anderen Gestirne. Es muß der Stern eines mächtigen Königs sein. Ich will mich aufmachen, seinem Laufe folgen und den König der Könige suchen.«
»Wie lange wirst du fortbleiben?« fragten ihn die Ältesten seines Stammes.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Silbermond.
Da warnten sie den Häuptling und sagten: »In der Fremde, da lauern viele Gefahren. Du solltest deinen Entschluß noch einmal überdenken!«
Silbermond antwortete: »Ich habe es mir lange überlegt. Aber eine Stimme in mir spricht: >Folge dem Stern.< Ich werde dieser Stimme gehorchen. Morgen mit dem ersten Licht breche ich auf.«
»Und was wird aus uns? Was wird aus unserem Stamm?« fragten sie ihn.
»Solange ich fort bin, wird mein Bruder Schneller Hirsch euer Häuptling sein«, bestimmte Silbermond.
Die Ältesten wiegten nachdenklich die Köpfe, doch schließlich sagte einer: »Niemand kann die Vögel halten, wenn sie im Herbst nach den wärmeren Ländern fliegen. Lassen wir Silbermond also ziehen. Wir werden mit unseren Gedanken bei ihm sein.«
Der Stamm wollte den Häuptling nicht ohne Geschenke in die Fremde gehen lassen. Auch sollte er während der Reise an Speise und Trank keinen Mangel leiden. Es wurden Maisbrot, Trockenfleisch und drei Krüge bereitgestellt, je ein Krug mit Öl, mit Wasser und mit wildem Honig. Zu den Geschenken für den neuen König gehörten ein Armreif aus purem Gold, ein buntgewebter Umhang, eine Brosche aus Jade, ein weiches Bärenfell, eine Halskette aus grünschimmernden Türkisen, kunstvoll bestickte Schuhe aus Hirschkalbleder, eine warme Mütze, ganz mit Eiderdaunen ausgepolstert, und ein Beutel mit Goldkörnern. Das alles wurde drei kräftigen Lamas auf den Rücken geladen.
Schließlich blieb nichts mehr zu tun. Schneller Hirsch legte dem Bruder seine Hände auf die Schultern und sagte: »Schau nicht links, schau nicht rechts. Geh deinen Weg, und scher dich nicht drum, was um dich herum geschieht. Machst du es anders, so wirst du dein Ziel verfehlen.«
Silbermond nahm Abschied.
Als er zu seiner alten Mutter kam, da legte sie ihm ihren eigenen kostbaren Halsschmuck um. Sie hatte ihn viele Jahre zuvor als Brautschmuck von ihrer Mutter bekommen. Es war eine dünne goldene Kette, an der eine kostbare Perle befestigt war.
»Hüte den Schmuck wie deinen Augapfel«, sagte die Mutter. »Wenn du einmal mutlos und traurig bist, so taste nach der Perle, und sogleich wird es dir besser gehen.« Dann fügte sie leise hinzu: »Schau nach links, schau nach rechts, und geh deinen Weg. Aber vergiß niemals den Menschen, der deine Hilfe nötig hat. Sonst wirst du dein Ziel nicht erreichen.«
Endlich brach Silbermond auf. Die Frauen, Männer und Kinder winkten ihm noch lange nach. Elf Tage war Silbermond schon unterwegs. Er zog durch eine weite Ebene. Jeden Morgen sah er den weißen Stern und richtete seine Schritte nach dem Lauf dieses Gestirns. Wenn der Stern schließlich fern hinter dem Gebirge verschwand, merkte Silbermond sich genau die Richtung, in die er tagsüber gehen mußte. Er dachte: »Bin ich erst auf den Berghöhen, dann werde ich sehen, wo der weiße Stern sich zur Ruhe niederlegt.«
Am zwölften Tag wurde die Gegend hügelig. Das Felsengebirge war nähergerückt und erhob sich wie eine düstere Wolkenwand am Horizont. Silbermond schaute sich wie jeden Abend nach einem Nachtlager um. Da sah er plötzlich aus dem Eingang einer Höhle Rauch hervorquellen. Er führte seine Lamas vorsichtig näher, aber es zeigte sich kein Mensch.
Schau nicht links, schau nicht rechts, hatte sein Bruder gesagt, aber seine Mutter hatte ihm anders geraten. Silbermond zögerte eine Weile, dann schritt er in die Höhle hinein.
Im Schein des Feuers erkannte er eine Frau und drei Mädchen. Sie duckten sich ängstlich in eine Ecke. Silbermond sprach sie freundlich an, und bald wußte er, daß er zur rechten Zeit gekommen war.
Die Frau berichtete ihm, daß ihr Mann vierzehn Tage zuvor zur Jagd aufgebrochen war. Er war nicht zurückgekehrt. Sie und ihre Töchter hatten vergebens nach ihm geforscht.
»Alles, was wir an Vorräten besaßen, ist seit Tagen aufgezehrt. Wir leiden großen Hunger«, klagte die Frau.
Silbermond packte das Brot und das Fleisch aus und gab von allem, auch vom Honig aus dem Krug, und er versprach der Frau: »Ich werde gleich morgen selbst nach deinem Mann suchen.«
Er durchstreifte tagelang die Gegend in weitem Umkreis, aber auch er fand den Jäger nicht. Das Brot und das Fleisch, das er mitgebracht hatte, gingen bald zur Neige. Da nahm Silbermond Pfeil und Bogen und begab sich auf die Jagd. Die beiden ältesten Töchter des Jägers, zwölf und vierzehn Jahre alt, nahm er mit.
Er erbeutete ein Hirschkalb. Sie brieten das Fleisch, und es war ein köstliches Mahl.
Jeden Tag in der Morgendämmerung hielt Silbermond Ausschau nach dem weißen Stern. Gern wäre er ihm nachgezogen; er wußte jedoch, daß er noch nicht aufbrechen konnte. Ohne ihn war die Familie des Todes.
In den folgenden Wochen brachte er den Mädchen das Fischen und Jagen bei. Eines Tages machten sie sich auf und gingen alleine zur Jagd. Sie brachten zwei Hasen und einen Truthahn als Beute nach Hause.
In der Frühe des nächsten Tages machte Silbermond sich auf und wanderte weiter, dem weißen Stern nach.
Bald hatte Silbermond die Hügel hinter sich gelassen und gelangte ins Gebirge. Hier war bereits der erste Schnee gefallen. Vielleicht hätte ich doch auf meinen Bruder hören sollen, dachte Silbermond, dann wäre ich noch vor dem Winter über die Berge gekommen. Die Tage wurden kürzer und kürzer. Es dunkelte schon früh, und Silbermond mußte sich immer zeitiger eine Bleibe für die Nacht suchen.
Eines Abends trieb ein heftiger Wind schwarze Wolken über die Berggipfel. Ein Schneesturm fegte daher. Die Lamas duckten sich zu Boden, und Silbermond legte sich zwischen sie, damit die Kälte ihm nichts anhaben konnte. Gegen Morgen war der Himmel wieder klar. Die Gestirne glänzten heller als in allen Nächten zuvor. Den weißen Stern aber konnte Silbermond unter den tausend und abertausend Himmelsfunken gleich herausfinden. Wie von Goldstaub leuchtete der Schweif, den er hinter sich herzog.
Am nächsten Tag kam Silbermond ein struppiger Hund entgegengesprungen. Das Tier blieb nicht weit vor den Lamas stehen. Sobald sich Silbermond jedoch näherte, lief der Hund ein Stück fort, verharrte aufs neue und bellte.
Silbermond dachte: Der Hund will mich führen, und er ging ihm nach. Kurze Zeit später verschwand das Tier unter einer Tanne, die ihre Zweige bis tief auf den Boden gesenkt hatte. Dort fand Silbermond einen alten Mann. Der hatte vor dem Sturm unter dem dicken Geäst des Baumes Zuflucht gesucht. Der Alte war durchgefroren und steif vor Frost.
»Ich heiße Der-in-den-Bergen-lebt«, sagte der Mann. »Wind und Wetter haben mich überrascht, ich konnte nicht mehr bis zu meiner Hütte gelangen. Ich habe mich hierher verkrochen, um zu sterben.«
Es war Silbermond, als ob er die Stimme der Mutter hörte: »Vergiß niemals den Menschen, der deine Hilfe nötig hat!« Er griff nach den Geschenken, die er für den großen König mitgenommen hatte, hüllte den Alten in den buntgefärbten Umhang, setzte ihm die warme Mütze auf und deckte ihn mit dem Bärenfell zu.
Allmählich wurde dem Mann wieder warm, und er kam zu Kräften. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Hütte.
Silbermond stützte den Alten. Der Hund lief vor ihnen her.
Die Hütte von Der-in-den-Bergen-lebt lag in einer Talmulde und war tief im Schnee vergraben. Silbermond räumte den Eingang frei. Sie gingen hinein, die Menschen und der Hund. Ein Feuer wurde angezündet, und wohlige Wärme breitete sich aus.
»Wohin führt dich dein Weg?« fragte Der-in-den-Bergen-lebt.
Silbermond antwortete: »Immer dem weißen Stern nach bis weit über das Gebirge. Ich suche den König der Könige.«
Da sagte Der-in-den-Bergen-lebt: »Kein Mensch kann zu dieser Jahreszeit das Gebirge überwinden.«
Silbermond wußte, daß der Mann recht hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wintermonate in der Hütte zu verbringen.
Der Winter währte lange, aber endlich schmolz der Schnee. Das Frühjahr kam ins Tal, das Gras an den Berghängen sproß hervor, und der Saft schoß in die Bäume. Silbermond schenkte dem Mann das Bärenfell, den Umhang und die Mütze. »Damit du im nächsten Winter nicht wieder frieren mußt«, sagte er. Dann nahm er Abschied von Der-in-den-Bergen-lebt; der Hund aber lief vor den Lamas her und zeigte ihnen den Weg.
Es ging durch tiefe Schluchten und über steile Paßwege. Manchmal war Silbermond so erschöpft, daß er zu sich sprach: »Ich kann nicht weiter. Vielleicht sollte ich umkehren!«
Aber dann hörte er eine Stimme in sich: »Der den weißen Stern am Himmel lenkt, der ist getreu und wird dich nicht in die Irre führen«, und er schleppte sich weiter, Stunde um Stunde, Tag um Tag.
Ein großer Regen setzte ein. Die Wolken hingen bis tief in die Täler hinab und hüllten die Gipfel in Wattemäntel. Silbermond wußte nicht mehr, ob er die richtigen Wege lief. Er vertraute dem Hund und folgte ihm.
Doch eines Morgens wurden die Wolken von einem frischen Wind aufgerissen, und die Wolkenfetzen trieben davon. Silbermond staunte. Er befand sich am Rande des Felsengebirges, und er konnte bis weit ins Land hinein sehen.
Der Hund bellte fröhlich, sprang noch einmal um die Lamas herum und lief dann zurück.
»Ich dachte«, sagte Silbermond, »der weiße Stern hat im Felsengebirge sein Haus. Aber das ist nicht so. Vielleicht schläft er weit hinter dem Bergland.«
Nun rastete Silbermond lange. Die Sonne hatte schon Kraft und wärmte seine Glieder. So schöpfte er neuen Mut.
Viele Tage wanderte er über Frühlingswiesen und durch lichtgrüne Wälder. Eines Morgens, er war noch nicht lange aufgebrochen, da hoben die Lamas ihre Nasen und schnupperten und tänzelten aufgeregt auf der Stelle. Silbermond spähte aufmerksam nach vorn. Mitten auf dem Blumenteppich der Wiese sah er eine Gestalt lang ausgestreckt liegen.
Er ging vorsichtig näher. Es war ein Junge, ein Kind fast noch, das da reglos lag. Tiefe Bißwunden hatten ihm Arm und Bein zerfetzt.
»Er wird mich lange aufhalten«, sagte Silbermond zu sich selbst und murmelte: »Schau nicht links, schau nicht rechts, scher dich nicht drum.« Aber dann beugte er sich doch zu dem Jungen nieder.
»Die Wölfe«, flüsterte der Junge.
Silbermond reinigte die Wunden mit Öl. Er baute in den Ästen eines alten Ahornstammes ein Baumhaus, so hoch, daß kein Wolfes erreichen konnte.
Der Junge war ohne Kraft und vermochte sich nicht aufzurichten. Deshalb trug Silbermond ihn in das Baumhaus.
Er sammelte Heilkräuter, legte Verbände an und kühlte die fieberheiße Stirn des Kranken.
Das ging viele Tage so. Erst ganz allmählich wich das Fieber.
»Ein Rudel Wölfe ist in meine Herde eingefallen«, berichtete der Junge. »Ich habe im vorigen Jahr hier in der Gegend eine Quelle und gutes Weideland entdeckt. Auch in diesem Jahr wollte ich an diesen Ort gehen. Deshalb verließ ich mit meinen fünf Tieren meine Familie und die große Herde. Für ein paar Tage sollten meine Lamas von den saftigen Krautern und Gräsern fressen, die hier ringsum wachsen.
Aber es war an der Quelle ein so guter Weideplatz, daß ich länger blieb, als ich zuerst vorhatte. Endlich wollte ich doch aufbrechen und war sicher, daß ich die große Herde bald erreichen konnte…«
»Hättest du sie denn gefunden?« fragte Silbermond.
»Ich heiße Der-die-Wege-kennt«, sagte der Junge stolz. Er fuhr fort: »Dann kamen die Wölfe. Ich schlug mit meinem Hirtenstab auf sie ein. Es waren zu viele. Zwei von meinen Lamas haben sie gerissen, die anderen drei sind davongelaufen. Ich suchte sie und irrte lange umher, doch meine Kräfte verließen mich mehr und mehr. Da dachte ich: Du mußt zurück zu deinen Leuten. Wie lange ich hier gelegen habe, bis du kamst, weiß ich nicht. Die Meinen sind sicher längst mit der großen Herde weitergezogen — viel zu weit, um sie noch zu finden. Und…«
Er zögerte, bevor er fortfuhr: »Ohne meine Tiere fürchte ich mich auch, sie zu suchen. Mein Vater ist ein strenger Mann.«
»Aber sie werden doch in diese Gegend zurückkommen?« fragte Silbermond.
»Gewiß«, antwortete der Junge. »In jedem Jahr ziehen wir durch dieses Weideland. Im nächsten Frühjahr wird meine Familie wieder hier sein.«
Im nächsten Frühjahr! Silbermond erschrak.
»Wie soll ich je mein Ziel erreichen?« flüsterte er.
Der-die-Wege-kennt fragte ängstlich: »Willst du mich verlassen?«
»Nein, nein«, beruhigte Silbermond ihn, »ich werde zunächst einmal bei dir bleiben.«
Es dauerte Woche um Woche, bis der Junge wieder ganz gesund war. Silbermond mochte ihn nicht allein zurücklassen.
Sie verlebten gemeinsam einen schönen Sommer. Die Lamas fühlten sich wohl auf der fetten Weide und brachten zwei gesunde Lämmer zur Welt. Silbermond und Der-die-Wege-kennt sammelten Wurzeln, Nüsse, Pilze, Beeren und Früchte als Vorräte für den Winter. Auch schlugen sie Feuerholz und machten Heu für die Tiere.
Schließlich färbten sich die Ahornblätter flammrot, und der Herbst leuchtete in tausend bunten Farben. Eines Morgens waren Gräser und Bäume mit Rauhreif überstäubt. Der Winter zog ins Land, doch Silbermond und Der-die-Wege-kennt hatten gut vorgesorgt. Sie brauchten nicht zu frieren und litten keine Not.
Oft streiften sie mit Pfeil und Bogen umher, und wenn das Jagdglück ihnen günstig war, dann brieten sie frisches Fleisch.
Abends am Feuer erzählte Silbermond gelegentlich von seiner Heimat. Der-die-Wege-kennt wunderte sich, daß es Menschen gab, die nicht mit ihrer Herde von Weideplatz zu Weideplatz zogen, und nie hätte er es für möglich gehalten, daß man feste Häuser bauen konnte, um das ganze Jahr über darin zu wohnen.
Als Silbermond schilderte, wie sie bei ihm zu Hause den Mais aussäten und die Ernte einbrachten, da rief Der-die-Wege-kennt: »Auch wir werfen gelegentlich Körner in den Wind. Wenn wir später wieder an einem solchen Ort vorüberkommen, dann finden wir manchmal volle Ähren, mahlen die Körner und backen frisches Fladenbrot.«
»Und wenn ihr nichts findet?« fragte Silbermond.
»Hungern müssen wir trotzdem nicht«, antwortete der Junge. »Wir haben dann zwar kein Brot, aber doch Milch und Fett und Fleisch von den Tieren.«
»Bei uns überlassen wir das Säen und Ernten nicht dem Zufall. Immer können wir Brot backen und jeden Tag Maisbrei kochen.«
Der-die-Wege-kennt wurde nachdenklich und fragte schließlich: »Warum, Silbermond, warum bist du dann aus deiner Heimat fortgezogen?«
Da führte Silbermond ihn hinaus in die Nacht und zeigte ihm den schönen weißen Stern mit dem goldenen Schweif. Klar und funkelnd stand er am hohen Winterhimmel.
»Dieser Stern«, sagte Silbermond, »wird mich zum König der Könige führen.«
»Bist du selbst nicht auch ein König?« fragte der Junge.
»Ich bin der Erste unter meinen roten Schwestern und Brüdern«, antwortete Silbermond ein wenig zögernd. Dann aber sagte er leise: »Ja, ich bin der König meines Stammes.«
Silbermond und Der-die-Wege-kennt saßen noch oft an ihrem Feuer, denn der Winter währte lange. Aber auch, der längste Winter hat schließlich ein Ende.
Je näher das Frühjahr kam, um so unruhiger wurde der Junge. Er kletterte in den höchsten Wipfel des Ahornbaumes und hielt Ausschau nach den Seinen. Als er endlich die Rauchfahnen ihrer Feuer in der Ferne emporsteigen sah, wurde er sehr traurig.
»Was soll ich meinem Vater sagen, wenn er mich nach den Tieren fragt?« klagte er.
Da schenkte Silbermond ihm seine Lamas. Viel hatten sie ohnedies nicht mehr zu tragen. Er sagte dem Jungen Lebewohl und zog weiter.
Weit war der Weg. Denn hinter dem Bergland ruhte der weiße Stern nicht und auch nicht hinter den großen Wäldern. Silbermond fand oft gastliche Aufnahme in Zelten und Hütten, und die Menschen teilten mit ihm Speise und Trank. Wenn dunkle Wolken über den Himmel zogen, wurde Silbermond manchmal müde, und er fragte sich: »Werde ich jemals an den Ort gelangen, wo ich den neuen König finde?« Aber es gab auch wieder klarere Nächte. Silbermond dachte an das Geschenk für den König der Könige, das seine Mutter ihm gegeben hatte, tastete nach der Perle und schaute auf den Stern. Dann erfüllten ihn auf geheimnisvolle Weise erneut Kraft und Zuversicht.
Endlich blieben auch die großen Wälder zurück. Staunend stand Silbermond am Meeresstrand.
»Wasser«, rief er. »Soweit mein Auge schauen kann, Wasser!«
Am Strand lag ein Boot. Es war kunstvoll und fest aus Schilf geflochten. Neben dem Boot knieten drei Kinder und starrten in die Ferne. Silbermond ging zu ihnen. Dann sah er es: In dem Boot lagen zwei Tote, eine Frau und ein Mann. Das waren die Eltern der Kinder.
»Ich bin mit Mutter und Vater weit hinaus aufs Meer gesegelt«, sagte der ältere Junge und begann heftig zu weinen. Silbermond beruhigte ihn. Endlich konnte der Junge weiterreden.
»Wir haben drei große Fische gefangen. Da sind Räuber gekommen und wollten uns die Fische nehmen. Der Vater hat sich gewehrt. Mit ihren Speeren haben die Männer Mutter und Vater getötet und Fische, Segel und Netze gestohlen. Das Boot und mich haben sie dem Wind und den Wellen überlassen.«
»Und wie bist du an dieses Ufer zurückgekommen?« fragte Silbermond.
»Mein Delphin hat das Boot gezogen.«
»Dein Delphin?«
Die Schwester des Jungen sagte: »Mein Bruder hat vor Wochen einem Delphin das Leben gerettet. Der Sturm hatte das Tier in eine flache Bucht gespült. Da haben mein Bruder und mein Vater den Delphin ins offene Meer hinausgezogen.«
»Schau nicht links, schau nicht rechts«, flüsterte Silbermond. »Scher dich nicht drum«, so sprach seine Zunge. Aber in seinem Herzen hörte er die Mahnung seiner Mutter, und er half den Kindern, die Toten zu bestatten. Und weil sie nichts mehr zu essen hatten, sagte er: »Wir müssen mit dem Boot hinaus und Fische fangen.«
»Wir haben kein Segel und keine Netze«, wandte der Junge ein.
Silbermond fragte: »Wißt ihr den Weg zum nächsten Fischerdorf?«
»Den kennen wir schon«, antwortete das Mädchen, »aber mein kleiner Bruder kann nicht so weit laufen.«
»Ich habe breite Schultern«, sagte Silbermond, »ich werde ihn tragen.«
Die Kinder führten Silbermond drei Tagereisen weit. Dann sahen sie in der Ferne die Fischerhütten. Weiter wollten die Kinder nicht mitgehen. Sie fürchteten sich, weil ihre Eltern mit den Leuten im Dorf verfeindet gewesen waren.
Silbermond verhandelte mit den Fischern. Er gab die Brosche aus Jade und den Armreif aus purem Gold und bekam dafür ein Netz und zwei Segel.
Silbermond blieb lange Monate an der Küste und lebte mit den Kindern. Sie waren geschickt und mutig. Silbermond fuhr oft mit ihnen zum Fischfang hinaus. Er lernte von den Kindern die Geheimnisse von Wind und Wasser. Meist kehrten sie mit einem reichen Fang heim. Oft schwamm auch der Delphin neben ihnen her, und nie versäumten es die Kinder, ihm die schönsten Fische zuzuwerfen.
Gelegentlich segelten sie so weit aufs Meer hinaus, daß sie die Küste nicht mehr sehen konnten. Silbermond dachte: Das Meer kennt kein Ende. Ich sollte zu meinem Stamm zurückkehren, solange noch Zeit ist. Doch die Stimme in ihm sprach: »Der die Sterne lenkt, der hat auch das Meer gemacht. Er ist getreu und wird dich nicht in die Irre führen.«
Und Silbermond glaubte der Stimme.
Als der Herbst kam und das Schilf hoch aufgeschossen war, bat Silbermond die Kinder, ihm zu helfen, ein großes neues Schiff zu bauen. Sie arbeiteten den ganzen Winter. Im Frühling war das Boot fertig und lag festgeflochten und mit Pech und Harz abgedichtet am Strand. Silbermond trug Vorräte in das Boot, füllte Schläuche mit frischem Quellwasser und verabschiedete sich von den Kindern.
Der Wind blies vom Lande her, und der Delphin schwamm dem Boot voraus, als ob er Silbermond den Weg weisen wollte. Silbermond zählte die Tage, die er über das Meer segelte. Jedesmal, wenn die Sonne sich aus den Fluten erhob, ritzte er mit seinem Messer eine Kerbe in den Mast. So reihte sich Kerbe an Kerbe, jede genau eine Daumenbreite über der anderen. Bald reichten ihm die Merkzeichen bis zu den Knien, später bis zu den Schultern, und endlich wuchsen sie ihm über den Kopf. Da gab Silbermond es auf, die Zeit zu messen.
»Nimmt das große Wasser denn nie ein Ende?« fragte er den Delphin. Der blieb stumm. Doch ihm schien der Weg nicht lang zu werden. Er umkreiste das Boot und sprang immer wieder einmal voller Übermut hoch hinaus aus dem Wasser in die Luft.
Woche um Woche blies der Wind beständig. Es kam Silbermond so vor, als fände der Delphin seinen Weg abseits der rauhen Winde und der hohen Wellen. Einmal sichtete Silbermond eine Insel. Er hielt darauf zu und segelte in eine ruhige Bucht.
Hinter dem weißen Sandstrand wuchs üppig und grün der Wald. Kein Mensch zeigte sich. Silbermond durchstreifte die Insel. Sie war wie ein großer fruchtbarer Garten.
Wer weiß, ob das Meer ein Ende hat, dachte Silbermond. Vielleicht sollte ich hier bleiben. Dann hätten alle Gefahren ein Ende.
Aber lange hing er solchen Gedanken nicht nach. Er suchte nach Wasser, entdeckte eine Quelle und füllte seine Schläuche von neuem. Auch sammelte er süße, saftige Früchte, deren Namen er nicht kannte. Der Delphin schwamm unterdessen unruhig im flachen Wasser hin und her, als ob er Silbermond mahnen wollte, nicht zu lange auf der Insel zu verweilen.
Nach drei Tagen steuerte Silbermond das Boot wieder ins offene Meer.
Weiter ging die Fahrt und weiter und weiter. An dem Morgen, als Silbermond in der Ferne Land erblickte, verblaßte der Stern. Silbermond erschrak und rief:
»Wer soll mir meinen Weg zeigen, weißer Stern? Wie soll ich je ans Ziel gelangen, wenn du nicht mehr zu sehen bist?«
Er dachte: Noch kann ich umkehren, zurück in mein Land. Er zog das Segel ein. Lange saß er so, und das Boot dümpelte in den Wellen. Doch dann berührte er die Perle an seinem Hals, und der Schrecken ließ nach.
»Dem, der mich bis hierher geleitet hat, dem will ich vertrauen«, sagte Silbermond leise. Er setzte die Segel in den Wind und steuerte auf die Küste zu.
Der Delphin schwamm noch einmal rund um das Boot. Er zog seine Kreise enger und enger, bis Silbermond ihn berühren konnte und ihm den Kopf tätschelte. Dann nahm er seinen Weg auf das offene Meer zu und sprang noch zweimal, dreimal in die Luft. Silbermond schaute dem Gefährten nach, bis der Delphin im Silbergeflimmer der Wellen verschwunden war.
Silbermond landete mit seinem Boot auf einem breiten Sandstrand. Erst kamen Kinder gelaufen, dann Frauen und Männer. Sie waren von so dunkler Hautfarbe, wie Silbermond es noch nie gesehen hatte. Sie bestaunten sein Boot und betasteten es mit den Fingern. Sie wunderten sich darüber, daß es dem Wind und dem Wasser standgehalten hatte.
Eine junge Frau bot Silbermond eine Schale mit Kokosmilch an. Auch Salz und weiches Fladenbrot reichte sie ihm.
Die Männer zogen sein Boot weit auf den Strand hinauf und luden den Fremdling in ihr Dorf ein. Silbermond sagte ihnen, daß er bald weiterziehen wollte, doch sie brachten ihn in eine prächtige Rundhütte zu einem sehr alten Mann.
Der schaute ihn lange unverwandt an. »Hat dich der Gott des Meeres zu uns geschickt?« fragte er.
Silbermond wußte nicht, was er erwidern sollte. Da fuhr der Mann fort: »Unser alter König ist vor Monaten gestorben. Wir warten auf einen, der uns gesandt wird. Willst du unser König sein?«
Silbermond blieb stumm. Wenn ich hier König werde, dachte er, dann kann ich in Ruhe und ohne Not leben. Dann habe ich wieder ein Zuhause.
»Dein Gesicht leuchtet so hell«, sagte der Mann. »Du bist wie ein Himmelslicht. Ich rufe den Rat der Alten zusammen. Wir werden die Nacht befragen, ob du unser neuer König bist.« Und der Alte entließ ihn.
Silbermond wurde in eine Hütte geführt. Er war müde, aber schlafen konnte er nicht. »Bin ich nicht ausgezogen, um den König der Könige zu suchen?« sprach er leise zu sich.
Er trat vor die Hütte. Es war Nacht geworden. Er schaute auf zu dem weißen Stern. Doch der schimmerte nur noch matt und zog seinen flimmernden Schweif wie einen Goldhauch hinter sich her. Wer weiß, dachte Silbermond, wenn der Stern verschwindet, dann werde ich den Weg wohl kaum finden. Ich sollte lieber bleiben. Und wieder griff er nach seinem Halsschmuck und tastete nach der Perle. Da besann er sich, und es tat ihm leid, daß er daran gedacht hatte, seinen Weg aufzugeben. Er sagte zu sich: »Der den Stern gelenkt hat, der ist getreu. Er wird mich führen.«
Silbermond ging zur Hütte des Alten. Der saß im Kreise von anderen Männern und Frauen. Silbermond bat sie alle, vor die Hütte zu treten, und zeigte ihnen das matte Licht des Sternes.
»Diesem Zeichen bin ich nachgezogen über Berge und Felsen, durch Wälder und Wiesen und Meere. Ihm muß ich folgen«, sagte er. »Der weiße Stern bringt mich zum König der Könige.«
»Dann tu, was du tun mußt«, sagte er alte Mann.
Silbermond blieb einige Zeit in dem Dorf. Er hoffte von Nacht zu Nacht darauf, daß der weiße, Stern wieder in dem alten Glanze leuchtete.
Es war eine große Unruhe in ihm. Doch der Stern verblaßte mehr und mehr. Zuletzt konnte Silbermond sein Licht am Himmelszelt nur noch ahnen.
Da prägte er sich genau die Richtung ein, die der Stern genommen hatte, und fragte die Menschen im Dorf: »Was liegt hinter dem Grünland der Küste?«
Die Antwort war: »Hinter dem Grünland erstreckt sich die endlose Wüste.«
»Und hinter der Wüste?« fragte er.
»Dahinter liegt das goldene Land Ägypten.«
»Ich werde nach Ägypten gehen«, sagte Silbermond, »denn genau in dieser Richtung habe ich den weißen Stern zuletzt gesehen.«
Da warnten sie ihn und sprachen: »Die Wüste ist wie ein grimmiger Löwe. Sie verschlingt die Menschen.«
»Mich schreckt die Wüste nicht«, erwiderte Silbermond. »Ich werde genug Wasser und Brot mit mir nehmen.«
Doch die Menschen sorgten sich um ihn und sagten: »Wasser und Brot sind wichtig. Doch kann dich das vor den Gefahren nicht retten. Räuberbanden haben ihr Versteck in der Felsenwüste. Sicher, man hat schon von Menschen gehört, die allein in die Wüste gegangen sind, aber nie ist einer lebend hindurchgekommen.«
Silbermond fragte: »Niemandem ist es gelungen, die Wüste zu durchqueren?«
»Doch, doch«, antwortete ein grauhaariger Mann. »Ich selbst bin vor vielen Jahren durch die Wüste ins goldene Ägypten gezogen, aber nicht allein. Allein schaffst du es nie.«
»Nicht allein?«
»Nein. Ab und zu bricht eine Salzkarawane auf. Ich habe mich damals einem erfahrenen Karawanenführer angeschlossen. Der kannte die geheimen Wasserstellen. Er hat uns nach Monaten sicher bis Ägypten gebracht.«
»Wann wird sich wieder eine Karawane auf den Weg machen?« fragte Silbermond.
»Das weiß niemand genau«, seufzte der Mann. »Vielleicht in diesem Jahr, vielleicht im nächsten. Wenn du willst, kannst du in meiner Hütte wohnen. Ich heiße Mutiger Leopard. Mein Sohn ist erwachsen und hat eine eigene Hütte.«
Silbermond nahm die Einladung an und zog zu dem Mann. Viele Monate blieb er an der Küste.
»Was lockt dich ins goldene Ägypten?« fragte ihn Mutiger Leopard.
Silbermond erzählte ihm von dem neuen Stern, der ihm erschienen war und der sich jenseits der Wüste zum Schlafen niedergelegt hatte.
»Den König der Könige will ich suchen«, schloß er.
»Einst kam ein Fremder aus dem Lande Juda zu uns«, sagte Mutiger Leopard. »Er erzählte mir, daß sein Volk voller Sehnsucht auf einen solchen König, auf einen solchen Messias warte.«
»Und wo liegt das Land Juda?« fragte Silbermond. Doch das wußte Mutiger Leopard auch nicht.
Einmal verbreitete sich das Gerücht, daß weitab vom Dorf eine Karawane aufgebrochen sei, aber Genaues konnte niemand sagen. »Länger will ich nicht bleiben«, sagte Silbermond, als er das hörte. »Ich werde die Kara¬wane einholen und mit ihr ziehen.«
»Ich besitze ein schnelles Kamel.« Mutiger Leopard zeigte auf ein Tier, das nicht weit von der Hütte entfernt auf den Knien lag und unentwegt vor sich hinkaute. »Du kannst es von mir bekommen. Es wird dir ein treuer Begleiter sein.«
»Du willst mir dein Kamel schenken?« fragte Silbermond erstaunt.
»Nicht gerade schenken«, erwiderte Mutiger Leopard. »Es ist nämlich so: Mein Sohn hat ein lahmes Bein. Er kann weder mit den anderen Männern auf die Jagd gehen noch als Lastträger sein Brot verdienen. Ich denke, mein Sohn sollte Fischer werden und aufs Meer hinausfahren. Er braucht ein Boot und Netze.«
»Fischer ist ein guter Beruf«, bestätigte Silbermond.
»Ich kann dir das Kamel nicht schenken«, wiederholte Mutiger Leopard. »Aber wenn du in die Wüste ziehst, brauchst du dein Boot nicht mehr. Da dachte ich…«
»Aber ja!« rief Silbermond. »Wir tauschen. Ich gebe dir mein Boot und erhalte von dir das Kamel.«
»Er braucht aber auch, wie gesagt, Netze«, beharrte Mutiger Leopard.
»Netze habe ich leider nicht«, antwortete Silbermond.
»Aber du besitzt ein Halsband aus grünen Türkisen. Dafür könnte mein Sohn wohl Netze bekommen.«
Silbermond gab das Geschenk hin, das eigentlich für den König der Könige bestimmt war, und erhielt für das Halsband aus grünen Türkisen und für das Schilfboot das Tier, das ihn durch die Wüste tragen sollte.
Mutiger Leopard nahm ein Lammfell und zeichnete darauf den Weg durch die Wüste.
Für die Oasen, an die er sich erinnern konnte, malte er jeweils einen Wassertropfen auf das Fell. Es waren wenig genug.
Der weiße Stern zeigte sich inzwischen selbst in dunklen Nächten nicht mehr, aber Silbermond ließ sich nicht von seinem Plan abhalten. Er füllte seine Wasserschläuche, nahm Brot und Salz mit und dankte Mutiger Leopard für seine Gastfreundschaft.
Silbermond ritt auf dem Rücken seines Kamels aus dem Dorf hinaus, geradewegs auf die Wüste zu. Die Pflanzen wurden seltener und seltener, und dann waren da nur noch sengende Sonne und Sand, heißer, trockener Sand. Abends dagegen, wenn die Sonne untergegangen war, wurde es schnell finster und kalt. Das Kamel legte sich nieder, und Silbermond kuschelte sich an den warmen Leib des Tieres.
Er nahm seinen Weg genau so, wie Mutiger Leopard ihn auf das Lammfell gezeichnet hatte. Tatsächlich fand Silbermond nach vier Tagen die erste Wasserstelle. Auch in den folgenden Wochen verfehlte er die Wasserlöcher nicht. Einmal gelangte er sogar zu einer großen Oase. Mitten im Sandmeer erhob sich eine grüne Insel aus hohen Dattelpalmen. Köstliche Früchte wuchsen an Bäumen und Sträuchern.
Hier traf Silbermond zum ersten Mal wieder auf Menschen. Aber die verhielten sich mißtrauisch und feindlich. Erst als sie merkten, daß Silbermond wirklich allein war und keine bösen Absichten hatte, ließen sie ihn Wasser schöpfen.
Die Quelle sprudelte reichlich. Sie gab soviel Wasser, daß die Bewohner der Oase Gräben durch das ganze Gebiet gezogen hatten. Überall strömte das klare Naß und tränkte die Pflanzen.
»Ihr habt Wasser im Überfluß«, sagte Silbermond. »Warum ist eure Gastfreundschaft nicht größer? Warum schaut ihr mich aus scheelen Augen an?«
Da antwortete ihm ein Mädchen: »Vor drei Wochen kam eine Karawane von der Küste in unser Dorf. Wohl fünfzig Männer waren dabei und über hundert Kamele.«
»Aber ihr habt doch Wasser für tausend Kamele«, sagte Silbermond.
»Die Männer trugen Lanzen und Schwerter mit sich. Sie haben nicht nur das Wasser gewollt. Sie haben zehn junge Männer und zehn Mädchen aus unserer Mitte gerissen. Auch meinen einzigen Bruder haben sie gefesselt und mitgeschleppt.«
»Sie haben Menschen gefangen?«
Silbermond wollte es erst gar nicht glauben, denn nie hatte er gehört, daß Menschen Menschen fangen können.
»Was wollen die Männer mit euren Mädchen und Knaben?«
»Sie werden in Ägypten als Sklaven verkauft«, antwortete das Mädchen, und es begann zu weinen.
Erst dachte Silbermond wieder: »Schau nicht links, schau nicht rechts, scher dich nicht drum«, aber dann packte ihn das Mitleid mit dem Mädchen. Er nahm sie in seine Arme und versuchte sie zu trösten.
»In unserm Volk glaubt man, daß jeder Mensch einen Stern am Himmel hat. Und solange der Stern nicht herunterfällt, solange wird der Mensch nicht verloren gehen.«
»Meinst du, daß auch mein Bruder einen solchen Stern hat?« fragte das Mädchen.
»So sagt man bei uns«, versicherte Silbermond. »Ich will dir etwas versprechen«, fügte er hinzu. »Ich werde denselben Weg gehen, den die Karawane vorauszog. Ich will auch nach Ägypten. Wenn mir je dein Bruder begegnet, werde ich ihn loskaufen, und er kann zu dir und zu eurer schönen Oase zurückkehren.«
Erst schaute das Mädchen ungläubig, doch dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen. »Werde ich auch meine schönen Schuhe zurückbekommen?« fragte sie. Sie zeigte auf ihre nackten Füße. »Mein Bruder hat für mich Schuhe aus Gazellenleder gemacht, aber die Männer haben sie mir von den Füßen gestohlen.«
Silbermond lächelte und versprach: »Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.«
Das Mädchen nahm Silbermond bei der Hand und sagte: »Komm mit!« Sie führte Silbermond vor eine Hütte.
»Hier wohnt eine weise Frau«, sagte sie. »Alle Menschen bei uns folgen ihrem Rat.«
Der Frau berichtete sie, was Silbermond vorhatte.
Aus großen schwarzen Augen sah die Frau den Fremd¬ling traurig an. »Ich bin an die hundert Jahre alt und habe noch niemals gehört, daß ein Mann allein den Weg durch die Wüste gefunden hat«, sagte sie.
Silbermond zeigte ihr das Lammfell, auf das ihm Mutiger Leopard den Weg gezeichnet hatte. Die Alte wiegte ihren Kopf und rief einige Männer zusammen. Sie beugten sich über das Fell und besprachen sich lange. Einer holte Farbe herbei. Er zeichnete Berge und Täler auf das Fell und auch ein paar geheime Wasserlöcher. An das Ende des Weges malte er Pyramiden.
»Wenn du diese riesigen Bauwerke siehst«, sagte die alte Frau, »dann bist du am Ziel deiner Reise, dann bist du im goldenen Ägypten.«
»Ich weiß nicht, ob Ägypten mein Ziel ist«, gestand Silbermond. Er erzählte von dem Königsstern mit dem Schweif.
Einige lachten, doch die Alte sprach: »Erinnert ihr euch nicht an den König mit der pechschwarzen Haut, der vor Jahren auf seinem Kamel bei der Durchreise hier eingekehrt ist? Folgte der nicht ebenfalls einem Stern und wollte den Weltenkönig suchen?«
Da fiel auch den anderen das Ereignis wieder ein.
»Das liegt ja schon Jahre zurück«, sagte einer, »das ist längst vergangen und vergessen.«
Silbermond aber freute sich, daß er sich nicht als einziger auf den Weg gemacht hatte und dem weißen Stern nachgezogen war. Er ließ sich von dem Mädchen genau beschreiben, wie der Bruder aussah.
»Du kannst ihn leicht erkennen«, sagte sie. »Er hat eine Narbe an seinem rechten Arm. Als er noch ein Kind war, hat ein Hund ihn gebissen.«
»Und wie ist sein Name?« fragte Silbermond.
»Er heißt Kleiner Falke«, antwortete das Mädchen.
Silbermond brach am nächsten Morgen auf.
Die Tage vergingen, die Sandwüste blieb zurück; Silbermond erreichte die Felsenwüste. Kahler, glühender Stein rundum. Eine Schlucht führte in das Felsmassiv hinein. Silbermond entdeckte hier und da frische Spuren, aber er konnte nicht erkennen, ob sie von Kamelen oder anderen Tieren in den Staub getreten worden waren. Ihm fielen die Räuber ein, vor denen man ihn an der Küste gewarnt hatte. Doch diesmal schien der Rat seines Bruders gerade richtig: »Schau nicht links, schau nicht rechts, scher dich nicht drum.«
Silbermond ritt mutig in die Schlucht hinein. Zu beiden Seiten stiegen die Felswände wie Mauern in die Höhe. Ihn schauderte, und er trieb sein Kamel an. Er wollte so schnell wie möglich durch diesen düsteren Ort hindurchreiten.
Nach etwa zwei Stunden blieben die Felswände wie abgeschnitten zurück. Silbermond befand sich jetzt in einem weiten Tal. Zu allen Seiten ragten die Felsen wie die Ränder einer Schüssel empor. Er ritt den ganzen Tag. Die Hitze setzte ihm und dem Kamel sehr zu. Am späten Nachmittag hatte er auch dieses Tal durchquert.
Die Steigung an diesem Rand des Kessels kam ihm weniger steil vor. Sie hob sich allmählich bis zu einem Kamm hin an. Wenn der Plan stimmte, der auf dem Lammfell aufgezeichnet war, mußte hier irgendwo die nächste Wasserstelle zu finden sein.
Silbermond spähte rundum. Wasser entdeckte er nicht, wohl aber rings auf den Höhen an die zwanzig ganz schwarz gekleidete Reiter. Er wußte sofort, daß es die Räuber waren.
Einen Augenblick zauderte er. Sein Kamel war müde und matt. Die Flucht zurück durch das Tal hätte wohl bald ein Ende gefunden. Deshalb trieb Silbermond sein Tier an und ritt geradewegs voran. Vielleicht fand er ein Versteck, in dem er sich verbergen konnte.
Die Wüstenreiter blieben wie angewurzelt auf den Berghöhen stehen. Es war, als ob sie daraufwarteten, daß er ihnen näherkam.
Silbermond lenkte sein Kamel in einen Durchschlupf zwischen zwei Felsen. Er war noch nicht weit in die Schlucht hineingelangt, als die Reiter vor und hinter ihm von den Höhen hinabritten. Geschickt kletterten ihre kleinen Pferde bergabwärts. Silbermond saß in der Falle, es gab für ihn kein Entrinnen mehr.
Da rief er laut: »Der du meinen Stern gelenkt hast, höre mich! Du bist getreu. Auf dich will ich vertrauen. Laß mich in diesem Tale nicht sterben!«
Er ritt langsam weiter. Doch auch die Räuber schienen es nicht eilig zu haben. Sie spielen mit mir wie die Katze mit der Maus, dachte Silbermond.
Immer enger schloß sich der Ring der schwarzen Gestalten um ihn. Da entdeckte Silbermond plötzlich einen schmalen Pfad in ein Quertal hinein. Er lenkte sein Kamel dorthin. Mit seinen Händen hätte er die Felswände berühren können, so eng war der Weg. Und dann zeigte sich in der Wand zur Rechten der Eingang einer Höhle.
Silbermond stieg vom Kamel, zwängte sich in die Höhle hinein und zog das Tier hinter sich her. Die Höhle führte weit in den Berg. An einer Stelle verbreiterte sie sich. Dort ließ Silbermond sein Kamel niederknien.
Mensch und Tier verhielten sich ganz still. Nur ihr Atmen war zu hören.
Bald darauf vernahm Silbermond den Huftritt von Pferden. Die Räuber ritten zuerst an der Höhle vorbei, kehrten aber bald zurück und stießen ärgerliche Schreie aus. Einer sprach aus, was alle wußten: »Nicht weit von hier endet die Schlucht. Der Fremde konnte nicht hinausgelangen!«
Ein anderer vermutete: »Er muß sich irgendwo verborgen haben.«
Die Räuber sprangen von den Pferden und durchsuchten die Schlucht Meter um Meter. Mehrmals liefen einige am Eingang des Verstecks vorbei. Zwei von ihnen blieben irgendwann stehen, und der eine sagte: »Hier, eine Höhle. Sie ist zwar sehr eng, eine Spalte nur, aber wo sollte der Fremde sonst stecken?«
Doch da rief der andere: »Verschwende nicht deine Zeit! Bald ist es Nacht. Siehst du nicht, daß eine Spinne ihr Netz vor dem Eingang der Höhle gespannt hat? Wäre hier einer eingedrungen, er hätte das Netz zerrissen.«
»Du hast recht«, antwortete der erste kleinlaut. »Ich habe das Spinnennetz übersehen.«
Allmählich verklangen die Stimmen, und die Hufschläge entfernten sich. Die Nacht senkte ihre schwarzen Tücher über die Erde. Silbermond rührte sich nicht.
Er blieb auch den ganzen folgenden Tag in der Höhle. Die Räuber hatten längst die Suche aufgegeben und kehrten nicht zurück. Vorsichtig schlich Silbermond sich zum Eingang. Nun bemerkte auch er das Spinnennetz. Mitten darin saß die Spinne. Ihr feines Gespinst glitzerte im Abendlicht wie ein zarter Stern. Da dankte Silbermond dem, der die Sterne und die Spinnen lenkt.
Am nächsten Tag brach Silbermond schon in der Morgendämmerung auf. Vorsichtig ritt er aus dem engen Seitental hinaus. Er spähte rundum. Die Räuber blieben verschwunden. Die hastige Flucht jedoch hatte Silbermond von dem vorgezeichneten Weg abkommen lassen. So ritt er in jene Richtung, in der sein Stern zuletzt untergegangen war.
An diesem Abend verfehlte Silbermond das Wasserloch. Die Schläuche waren fast leer, als er tags darauf die Morgenkälte aus den Gliedern schüttelte und weiterzog. Gegen Mittag wurde die Hitze so groß, daß er Zuflucht im Schatten eines Felsvorsprungs suchte – und dort fand er ihn: Kleiner Falke lag lang hingestreckt und war mehr tot als lebendig. Seine Narbe schimmerte weiß auf der dunklen Haut. Die Lippen waren rissig und trocken. Er atmete hastig und flach.
Ich habe selbst nur noch wenig Wasser, dachte Silbermond. Werden wir nicht beide verdursten, wenn ich dem Jungen davon etwas abgebe?
»Schau nicht links, schau nicht rechts«, wollte er sagen und sich abwenden. Aber wieder sprach die Stimme in ihm, ganz leise zwar, doch so deutlich, daß er jedes Wort verstand: »Der dir den Stern zeigte, der ist getreu. Er war es, der dich vor den Räubern gerettet hat. Er hat dir geholfen, damit du helfen kannst.«
Daraufhin träufelte Silbermond vorsichtig von dem Wasser auf die Lippen des Jungen, geduldig, Tropfen um Tropfen. Endlich schlug Kleiner Falke die Augen auf. Voller Angst starrte er Silbermond an. Doch der redete ihm gut zu und hörte nicht auf, den Jungen zu tränken. Er selbst gönnte sich keinen Schluck, obwohl der Durst ihn quälte. Dann fütterte er Kleiner Falke mit kleinen Brocken Brot. Allmählich kam der Junge wieder zu Kräften.
»Als ich zum ersten Male vor Erschöpfung niederfiel«, erzählte er, »haben sie mich geprügelt. Ich mußte mich mit der Karawane weiterschleppen. In der letzten Nacht jedoch lief ich davon.«
Silbermond wußte, daß er die Karawane finden mußte, wenn sie nicht beide in der Einöde umkommen wollten.
»Weit kann sie nicht voraus sein«, sagte Kleiner Falke. Er zeigte Silbermond die Spuren. Silbermond setzte den Jungen auf sein Kamel.
»Ich kann aber nicht zurück zur Karawane«, sagte Kleiner Falke. »Sie werden mich töten.«
»Ich habe dich gefunden, damit du lebst«, beruhigte Silbermond ihn, trieb das Kamel an und ging neben dem Tier her.
Den ganzen Nachmittag folgten sie dem Karawanenweg.
Als die Dunkelheit hereinbrach, sahen sie in der Ferne einen Feuerschein. Silbermond merkte, daß der Junge vor Angst zu zittern begann. »Fürchte dich nicht, Kleiner Falke«, sagte er zuversichtlich. »Ich werde dich loskaufen.«
Sie traten in den Feuerkreis. Sogleich drückten wild aussehende Männer ihnen ihre Lanzenspitzen vor die Brust.
Silbermond rief: »Ich komme nicht als Feind zu euch!«
Einer schrie: »Seht mal, wen der Fremde da mitgebracht hat! Das ist mein Gefangener, mein Sklave. Er ist also doch noch nicht ins Reich des Todes gewandert.« Dann wandte er sich an Silbermond und sagte finster: »Der Junge gehört mir.«
»So ist es«, antwortete Silbermond. Da ließen sie die Lanzen sinken.
In dem Wassertümpel hatten die Kamele der Karawane den Schlamm aufgewühlt, und das Wasser war trüb und braun. Es schmeckte Silbermond dennoch wie ein köstlicher Quell. Auch der Junge und das Kamel schlürften in langen Zügen.
Silbermond kehrte wieder zu dem Feuer zurück und sagte: »Ich will euch den Jungen abkaufen.«
Doch der Mann antwortete: »Ich verkaufe ihn erst in Ägypten. Dort bekomme ich den doppelten Preis.«
Da holte Silbermond seinen Beutel mit Gold hervor, den er als Geschenk für den König der Könige aufbewahrt hatte, und warf ihn dem Manne zu. Der schnürte den Beutel auf und schüttete die Goldkörner in seine hohle Hand. Eines der Körner legte er zwischen die Lippen und biß darauf. Er betrachtete die Eindrücke seiner Zähne und sagte: »Wahrhaftig, es ist reines Gold.«
Darauf wog er die Körner in der Hand und fragte: »Wieviel davon willst du zahlen?«
»Wieviel davon willst du haben?« fragte Silbermond.
»Alle Goldkörner will ich haben«, sagte der Mann. Dabei schaute er so, als ob Silbermond ein Kaninchen sei, das im Begriff ist, den Kopf in die Schlinge des Jägers zu stecken.
»Nimm sie alle«, antwortete Silbermond. »Aber ich will den Jungen und ein Kamel obendrein.«
Der Mann stimmte fröhlich zu, und die anderen schüttelten den Kopf über den Fremden, der so leichten Herzens das Gold weggab. Silbermond faßte den Jungen bei der Hand und legte sich mit ihm abseits ins Dunkel.
Dort überfielen Silbermond die Schrecken der Nacht. Tausend Ängste wuchsen vor ihm auf wie ein Berg.
»Ägypten ist weit«, sagte er sich. »Wer weiß, ob ich den König der Könige wirklich dort finde. Ich sollte vielleicht mit Kleiner Falke zu der Oase zurückreiten. Dort wäre ich sicher und geborgen.«
Doch auch diese Überlegungen halfen ihm nicht. Die schwarzen Gedanken stürmten nur stärker auf ihn ein. In seiner Not griff er nach seinem Halsschmuck und faßte die Perle an. Allmählich, ganz allmählich verebbte die Angst, und er sank in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen fragte Silbermond den Jungen: »Was meinst du, Kleiner Falke, findest du allein den Weg zu deiner Oase zurück?«
»Ohne ein Kamel schafft das keiner«, antwortete Kleiner Falke.
»Du hast ein Kamel«, sagte Silbermond und schenkte ihm das Tier, das er für das Gold bekommen hatte.
Kleiner Falke warf sich vor Silbermond auf den Boden nieder, aber der hob ihn auf und küßte ihn. »Und vergiß nicht, an jeder Wasserstelle die Schläuche zu füllen«, mahnte er den Jungen.
Er nahm aus seiner Tasche eines der Geschenke, die er für den König der Könige mitgebracht hatte. Es waren die Schuhe aus Hirschkalbleder. Er gab sie dem Jungen und sagte: »Die sind für deine Schwester. Ich habe ihr ein Paar Schuhe versprochen.«
Danach zog die Karawane weiter und Silbermond mit ihr.
Kleiner Falke blickte dem Zug so lange nach, bis er in der Ferne nur noch eine Staubwolke sehen konnte. Dann wendete er sein Tier und machte sich auf den Weg in seine Heimat zurück.
Der Karawanenführer kannte die Pfade genau. Er leitete die Karawane sicher von Wasserloch zu Wasserloch.
Jeden Abend wurden Feuer mit dem getrockneten Dung der Kamele angezündet. Oft mußte Silbermond von seiner fernen Heimat und von der Fahrt übers Meer erzählen. Die Männer lauschten ihm Stunde um Stunde bis in die Nacht hinein. Bald behandelten sie ihn, als ob er einer von ihnen wäre.
Aber sie lachten, wenn Silbermond die Gefangenen mit Wasser versorgte, bevor er noch selber trank. »Scher dich nicht drum«, sagten sie. Auch verspotteten sie ihn, wenn er auf den weißen Stern mit dem goldenen Schweif zu sprechen kam.
»Wahngebilde«, sagte einer. »Ich habe einmal mitten im Trockengebiet ganz deutlich und nah eine blühende Oase gesehen. Ich war halb verrückt vor Durst und lief darauf zu. Aber je schneller ich rannte, um so weiter weg schien mir die Oase. Schließlich löste sie sich in nichts auf. Ich war einer Wahnidee nachgelaufen. So wird es auch mit dir und deinem Stern sein.«
Silbermond antwortete: »Der die Sterne lenkt, der ist getreu, er führt mich nicht in die Irre.«
Da lachten die Männer noch lauter. Nur der Karawanenführer lachte nicht mit und wollte mehr von dem seltsamen Stern hören.
Silbermond sagte ihm: »Ich sehe seit langem den weißen Stern nicht mehr, aber ich folge der Bahn, die er lief. Er wird mich zu dem König der Könige führen.«
An jenem Abend schwieg der Karawanenführer dazu, aber am nächsten Tag winkte er Silbermond zu sich. Silbermond ritt an seine Seite und bewunderte das edle Reitkamel des Karawanenführers. Lange zogen sie schweigend nebeneinander her, doch schließlich sagte der Karawanenführer: »Es wird in Ägypten die Geschichte von einer Familie erzählt, die vor Jahren aus dem Lande Juda geflohen ist. Herodes war damals der König im Judenland. Er soll die Familie verfolgt haben.«
»Warum?« fragte Silbermond, »warum hat er sie verfolgt?«
»Man sagt, der Knabe, der mit seinem Vater und seiner Mutter in Ägypten Zuflucht gefunden hat, der soll selbst ein großer König gewesen sein.«
Silbermond wurde ganz aufgeregt und fragte: »Und wo ist der Knabe geblieben?«
Der Karawanenführer zuckte die Schultern. »Herodes ist gestorben. Vielleicht ist der Königssohn mit seinen Eltern in das Land Juda zurückgezogen.«
Silbermond hätte gern mehr über die Familie erfahren, doch Genaueres konnte ihm der Karawanenführer auch nicht berichten.
Der Karawanenweg schien kein Ende zu nehmen. Nach der Felsenwüste kam die Kieswüste und dann wieder Sand, Sand, Sand. Aber eines Nachmittags schien es, als ob die Kamele unruhig würden. Niemand brauchte sie mehr anzutreiben, sie liefen schneller und schneller. Und als die Abendsonne den Himmel rot färbte, jubelten die Männer. Bläulich und wie mit einem Stift in den Horizont geritzt, tauchten die Spitzen der Pyramiden auf.
In dieser Nacht schlief keiner der Männer. Erst sangen sie und tanzten um das Feuer, später prahlten sie voreinander, wie gewinnbringend sie ihr Salz und ihre Sklaven auf den Märkten in Ägypten verkaufen wollten.
Früh im ersten Morgenlicht brach die Karawane auf. Alle zogen eilig und ohne Rast die letzte gemeinsame Wegstrecke. Als die Sonne wieder zu sinken begann, gelangten sie an den Rand einer großen Stadt. Die Karawane löste sich auf, und es war ein kurzes Abschiednehmen.
Danach stand Silbermond verwirrt vor der unzählbaren Menge der Häuser und kam sich im Gewirr der Straßen sehr verloren vor. Wie sollte er in diesem Lärm und Getriebe die Spuren des mächtigen Königs finden? Er fragte immer wieder nach dem Weg ins Judenland, aber nie bekam er eine Antwort. Keiner schien für ihn Zeit zu haben. Auch mußte er sein Kamel verkaufen, denn in der Stadt wurde für alles Geld verlangt. Selbst das Wasser war teuer.
Silbermond streifte durch die Straßen und gelangte eines Tages auch auf den Sklavenmarkt. Dort bemerkte er einen römischen Hauptmann. Der wollte einen gesunden und starken Sklaven kaufen.
»Ich muß mit meinen Soldaten ins Judenland nach Jerusalem«, sagte er. »Der Kaiser hat es befohlen. Ich suche einen Sklaven, der mir mein Gepäck tragen kann.«
Silbermond ging zu ihm und sagte: »Menschen darf man nicht kaufen und verkaufen, Herr.«
Der Hauptmann schaute ihn ärgerlich an und spottete: »Willst du vielleicht mein Gepäck bis zum Lande Juda schleppen?«
»Das will ich«, antwortete Silbermond.
Der Hauptmann wunderte sich sehr. »Du bist nicht mehr jung«, sagte er. »Ich glaube nicht, daß du als Träger den weiten Weg schaffst.«
Silbermond sprang dicht an den Hauptmann heran, umfaßte seinen Leib, hob ihn vom Boden auf, rannte los und trug ihn einmal rund um den Sklavenmarkt.
»Schon gut, schon gut«, lachte der Hauptmann, »aber welchen Lohn soll ich dir zahlen?«
»Mit Essen und Trinken und einem Schlafplatz bin ich zufrieden«, bot Silbermond an.
»Nun, wenn das so ist, dann bist du der richtige Mann für mich. Komm also mit!«
Der Hauptmann brachte seinen neuen Lastträger gleich in das befestigte Lager der Römer. Rund um ein großes Geviert waren hohe Wälle aus Palisaden gebaut. Eine mit Steinen gepflasterte Straße führte geradewegs zum Lagertor.
Der Hauptmann rief der Wache nur ein paar Worte zu, dann durfte Silbermond mit ihm hinein. Straßen teilten die kleine Stadt in regelmäßige Vierecke. Die Häuser waren aus Stein gebaut und sahen sich alle sehr ähnlich. Nur inmitten des Lagers war ein mit Marmorplatten verkleidetes prächtiges Bauwerk. Dort wohnten die Befehlshaber der Soldaten. Silbermond wurde eine Kammer in einem Haus der Soldaten zugewiesen, in der er schlafen konnte.
»Richte dich nicht zu häuslich ein«, sagte der Hauptmann. »Es lohnt sich nicht. Morgen früh marschieren wir los.«
Und so kam es. In aller Frühe wurden die Soldaten mit Hörnerschall geweckt. Erstaunlich schnell ordnete sich das Gewirr der Menschen zu einer Marschkolonne. Das Bündel, das Silbermond aufgepackt bekam, wog nicht viel.
Das erste Stück des Weges bis zum breiten Nilstrom war kurz. Mit großen Fähren wurden die Menschen ans andere Ufer gebracht. Danach ging es in langen Tagemärschen weiter. Jeden Abend bauten die Soldaten ein einfaches Lager auf. Das ging schnell, denn jeder Soldat hatte eine bestimmte Aufgabe, und die Handgriffe waren hundertfach geübt.
Alle schliefen des Nachts in Zelten. Rund um das Lager wurden Wachen aufgestellt. Der Hauptmann ließ auch für seinen Träger ein Zelt ausgeben. Silbermond baute es stets außerhalb des Lagers auf. Die Verpflegung war nahrhaft und reichlich. Silbermond war froh, daß er so schnell und sicher durch Arabien kam.
Auf diese Weise gelangte er, ohne daß etwas Besonderes geschah, an die Grenze des Landes Juda. Dort wollten die Soldaten die letzte Nacht vor ihrer Ankunft in Jerusalem verbringen.
Nicht weit entfernt von dem Platz, an dem Silbermond sein Zelt aufstellte, glimmte ein kleines Feuer. Drei Männer hatten sich neugierig genähert und schauten zu, wie die Römer ihr Lager errichteten. Der eine lahmte ein wenig und stützte sich auf seinen Stab, der andere hörte schwer, und die beiden Gefährten mußten laut sprechen, damit er sie verstehen konnte. Der dritte schließlich wurde von den anderen geführt. Er schien blind zu sein. Später kehrten sie zu ihrem Feuer zurück und hockten sich nieder.
Es wurde kalt in dieser Nacht. Silbermond ging zu ihnen. Sie luden ihn ein, sich mit ans Feuer zu setzen und sich zu wärmen.
Silbermond lauschte ihren Reden. Er dachte: Vielleicht kannst du von diesen Männern etwas über den König der Könige erfahren. Sie aber redeten von Schafen und von Wölfen, die in kalten Nächten gelegentlich versuchten, in die Herden einzufallen.
»Wo ist denn eure Herde?« fragte Silbermond verwundert, denn er konnte weit und breit kein Tier entdecken.
»Unser Herr hat die Schafe anderen Hirten anvertraut«, sagte der Lahme traurig. »Er meint, wir wären zu alt, um noch länger Hirten zu sein.«
»Dabei haben wir im letzten Jahr nicht ein einziges Tier verloren«, rief der Schwerhörige, und der Blinde behauptete: »Ich brauchte meinen Tieren nur mit der Hand über den Kopf zu streichen. Ich erkannte jedes einzelne.«
Das Feuer brannte nieder, und die Kälte kroch ihnen in die Glieder. Der Blinde tastete nach Brennmaterial, aber es war alles aufgebraucht. Sie zogen ihre Decken fester um die Schultern.
»Kalt heute«, murmelte der Lahme, »sehr kalt!«
»Wenn ihr wollt, dann geht mit mir in mein Zelt«, bot Silbermond an. »Es ist zwar nur ein kleines Zelt, aber wenn wir dicht bei dicht hocken, dann wird es schon reichen.«
»Dicht bei dicht, das macht warm«, sagte der Blinde. Sie gingen mit Silbermond und krochen in das Zelt.
»Wißt ihr noch?« erinnerte sich der Lahme. »Damals war es auch so bitterkalt.«
»Ja«, bestätigte der Blinde, »aber als das große Licht mitten in der Nacht am Himmel erschien, da wurde es uns ganz warm.«
»Ausgerechnet du erzählst vom Licht«, spottete der Lahme, »du konntest doch schon damals kaum etwas sehen.«
»In jener Nacht habe ich alles ganz deutlich gesehen. Irgend etwas hatte die Schleier vor meinen Augen weggezogen«, beteuerte der Blinde. »Ich sah das Licht, ich habe es bestimmt gesehen.«
»Was für ein Licht?« fragte Silbermond.
Da erzählte der Lahme, was sie damals vor Bethlehem erlebt hatten.
»Wir lagerten mit den Herden nicht weit von der Stadt entfernt. Die Gegend dort wird >Im HirtenfeldEhre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.< Da packten wir Geschenke zusammen und brachen auf. Ich lief als erster vorneweg.«
»Hör auf«, lachte der Blinde. »Du warst schon damals ein lahmer Hund.«
»Nein«, widersprach der Lahme. »In jener Nacht konnte ich springen wie ein Schaf im Frühling. Irgend etwas hatte mir die Lähmung aus den Beinen gezogen.«
»Ich wollte dem Königskind ein weichgegerbtes Fell schenken«, erinnerte sich der, der so schlecht hörte. »Es war ja eine kalte Nacht, weißt du.«
»Und ich hatte einen frischen, zarten Schafskäse«, schwärmte der Blinde.
»Und ich ein fehlerloses Lamm. Das war erst eine Woche alt«, sagte der Lahme.
»Und?« drängte Silbermond. »Habt ihr gefunden, was ihr suchtet?«
Die drei wurden verlegen. »Wir wissen es nicht so recht«, gestand der Blinde. »Wir hatten uns ausgemalt, der Messias wird in der Stadt in einem reichen Hause geboren, in einem Palast vielleicht. Ein großer König war uns ja versprochen.«
»Aber wir fanden nur eine ärmliche Höhle vor den Toren der Stadt«, sagte der Lahme.
»Es war der Messias«, behauptete der Schwerhörige. Und wieder mahnte Silbermond ihn, leiser zu sprechen.
»Ja, in einer Krippe lag das Kind. Wirklich, genauso wie der Engel es gesagt hatte«, erzählte der Lahme weiter, »und wir haben ihm unsere Geschenke gegeben.«
»Und was meinst du«, flüsterte der Blinde Silbermond zu, »was meinst du, die Kälte war wie weggeblasen. Der Frühling hatte in dieser Nacht den Winter besiegt.«
Silbermond fragte: »Was waren das denn für Leute, die dort in der Höhle ihr Kind auf die Welt kommen ließen?«
»Ach«, winkte der Blinde ab, »sie kamen von irgendwoher. Damals hatte der Kaiser Augustus befohlen, alle Menschen in seinem Reich müßten sich zählen lassen. Jeder mußte in seine Vaterstadt gehen. Ich glaube, die Frau und der Mann kamen von weither, denn ihr Esel war abgetrieben und ziemlich lahm.«
»Ich denke, sie waren aus Galiläa«, sagte der Lahme. »Ich hatte einen Onkel, der war Fischer. Der wohnte am See Genezareth. Seine Sprache klang ganz ähnlich.«
»Wer weiß, woher sie kamen«, sagte der Blinde. »In der Stadt hat sie keiner aufnehmen wollen. Und schwanger war die Frau ja auch. Keiner scherte sich drum.«
»War ja auch alles übervoll damals«, schrie der mit den halbtauben Ohren.
Harte Schritte näherten sich. »He, du, was ist da eigentlich los in deinem Zelt?« rief von draußen ein Wachsoldat. »Gib endlich Ruhe und schlaf! Morgen ist ein schwerer Tag für uns.«
Da schwiegen die Männer, und bald waren sie wirklich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen ließ der Hauptmann Silbermond rufen. »Mir ist gemeldet worden, du hast heute nacht drei Männer in deinem Zelt beherbergt. Stimmt das?«
»Ja, das stimmt. Sie froren, und ich lud sie ein«, gab Silbermond Auskunft.
Der Hauptmann fragte: »Kanntest du die Leute?«
»Nein«, antwortete Silbermond. »Sie waren mir fremd.«
Da herrschte der Hauptmann ihn an: »Warum hast du das getan?«
»Ich war in den letzten Jahren überall ein Fremdling«, sagte Silbermond. »Oft und oft bin ich freundlich aufgenommen worden. Deshalb ist es nur recht, wenn ich selbst auch mein Zelt mit Fremden teile.«
Der Hauptmann befahl: »Sei in Zukunft vorsichtiger. Nicht alle in diesem Lande sind uns freundlich gesinnt. Scher dich nicht um die Leute. Vor allem, wenn wir weiter ins Judenland kommen, halte dich von ihnen fern. Das Land liegt wie im Fieber. Viele warten auf einen Erlöser, der das Volk der Juden befreien und uns Römer übers Meer davonjagen soll.«
»Der König muß schon lange da sein«, entschlüpfte es Silbermond.
Nun drängte der Hauptmann ihn, er solle ihm mehr erzählen. Aber als Silbermond von seinem Himmelslicht berichtete, da schaute ihn der Hauptmann mißtrauisch an und sagte verächtlich: »Die Sternguckerei hat schon manchem Menschen den klaren Verstand umnebelt.« Und er kehrte Silbermond den Rücken zu.
Sie ließen Arabien hinter sich. Im Judenland führte eine brei¬te Straße auf Jerusalem zu. Als sie sich der Stadt näherten, ordnete der Hauptmann an, eine längere Rast zu machen. Alle Soldaten mußten sich den Wüstenstaub aus den Kleidern schlagen und die Helme, die Schwerter und die Lanzenspitzen blankputzen. Wohlgeordnet zogen sie in Jerusalem ein.
Vor ihnen ragte hoch über die Dächer hinaus der wunderbare Tempel der Juden. Das gewaltige Gebäude über dem Häusergewirr sah aus wie eine Glucke, die ihre Küken um sich schart. Die Römer aber marschierten in die Burg Antonia und wurden dort mit Hörnerschall und Trommelschlag empfangen.
Silbermond verabschiedete sich von dem Hauptmann. »Du hast deinen Dienst gut verrichtet«, lobte der und schenkte ihm eine Silbermünze. Damit wurde Silbermond entlassen.
Er wanderte ziellos durch die Stadt. Immer wieder erkundigte er sich nach dem König der Könige, aber die Juden, die er danach fragte, wußten auch nichts Näheres.
»Er wird als großer Herrscher kommen und sein Volk befreien«, sagte einer. Ein anderer antwortete: »Der Messias ist uns versprochen. Eines Tages ist es soweit. Ich glaube, der Tag steht kurz bevor.«
Silbermond wußte es besser. Der König der Könige mußte längst geboren sein. Der Stern, den er so viele Jahre zuvor zum ersten Mal gesehen hatte, konnte ihn nicht trügen.
»Geh zu Johannes an den Jordanfluß«, riet ihm einer. »Er ist ein Prophet. Vielleicht weiß der mehr.«
Da fragte sich Silbermond zu Johannes durch und fand einen Feuerkopf. Johannes hatte ein rauhes Gewand an, und seine Stimme schallte über den Jordan bis weit zu den Hügeln. »Mitten unter euch ist er! Ihr kennt ihn nicht. Ich bin nicht wert, seine Sandalen aufzuschnüren!« rief Johannes.
Lange lauschte Silbermond dem Rufer am Jordan. Johannes wirkte so sicher, daß Silbermond neuen Mut faßte.
»Er wird als großer Herrscher kommen und sein Volk befreien«, sagte einer. Ein anderer antwortete: »Der Messias ist uns versprochen. Eines Tages ist es soweit. Ich glaube, der Tag steht kurz bevor.«
Silbermond wußte es besser. Der König der Könige mußte längst geboren sein. Der Stern, den er so viele Jahre zuvor zum ersten Mal gesehen hatte, konnte ihn nicht trügen.
»Geh zu Johannes an den Jordanfluß«, riet ihm einer. »Er ist ein Prophet. Vielleicht weiß der mehr.«
Da fragte sich Silbermond zu Johannes durch und fand einen Feuerkopf. Johannes hatte ein rauhes Gewand an, und seine Stimme schallte über den Jordan bis weit zu den Hügeln. »Mitten unter euch ist er! Ihr kennt ihn nicht. Ich bin nicht wert, seine Sandalen aufzuschnüren!« rief Johannes.
Lange lauschte Silbermond dem Rufer am Jordan. Johannes wirkte so sicher, daß Silbermond neuen Mut faßte.
Zwei reich gekleidete Juden, die auch dem Johannes zugehört hatten, wandten sich ab und machten sich auf den Heimweg. »Er ist ein Phantast«, sagte der eine. »Alle werden es merken, wenn der Messias, der neue König, kommt.«
»Und wir Frommen werden es als erste erfahren«, fügte der andere hinzu.
»Er ist gewiß schon da«, sagte Silbermond, doch die beiden schauten nur hochmütig auf den Kerl, der da in seinem abgetragenen Umhang am Straßenrand hockte. Der erste sagte: »Was weiß schon ein alter Strolch vom Messias!« Und er spie vor ihm aus.
Da erschrak Silbermond. Er beugte sich über das Was¬ser des Jordanflusses: Sein Haar war ergraut, so viele Jahre war er bereits auf dem Wege. Er sagte zu sich: »Die Menschen in diesem Land warten auf den König der Könige mehr als überall in der Welt. Ich bin dort ange¬langt, wohin der Stern mich hat bringen wollen. Wenn ich auch alt bin, ich werde die Suche nicht aufgeben.«
Er ging zum Tempel. Dort jagte man ihn davon und warf mit Steinen nach ihm. Eine alte Frau jedoch hatte Mitleid mit ihm und bot ihm einen Schluck Wasser an. Auch diese Frau fragte er: »Wo finde ich den König der Könige, den ihr Messias nennt?«
Die Frau schaute ihn erschrocken an, zog ihn aber dann in ihr Haus und flüsterte ihm zu: »Ich hatte einen Onkel, der hieß Simeon. Er ist sehr alt geworden. Kurz vor seinem Tode hat er mir gesagt, seine Augen hätten das Heil geschaut. Er war sehr glücklich. Aus Galiläa wären sie gekommen und hätten den Messias in den Tempel getragen, hat er gesagt. Aber das ist wohl schon an die dreißig Jahre her.« Dann fuhr sie traurig fort: »Mein Onkel ist längst tot, und von unserem Retterkönig keine Spur.«
Silbermond verließ Jerusalem und wandte sich den Jordanfluß aufwärts. Er zog durch das Land der Samariter und gelangte nach Galiläa. Dort durchstreifte er die Dörfer und Städte und fragte nach dem neuen König, aber er bekam die gleichen Antworten wie in Jerusalem. Allmählich wurde Silbermond mutlos.
Eines Tages kam er müde in den Flecken Kana. »Als ich in meinem Dorf aufbrach«, sagte er zu sich, »da war ich ein Mann, der fast vierzigmal den Frühling gesehen hatte. Jetzt bin ich alt und ohne Kraft. Vielleicht bin ich doch einem Irrlicht nachgelaufen.« Und er fühlte sich verloren und wurde sehr traurig.
Da sprach ein Bettler ihn an. »Was sitzt du hier und bläst Trübsal?« sagte er. »Weißt du etwa nicht, daß nicht weit von hier heute eine fröhliche Hochzeit gefeiert wird?«
Silbermond schaute kaum auf. Doch der Bettler packte ihn bei der Schulter und rief: »Auf, Gevatter. Von einem wohlgefüllten Tisch fällt für unsereins immer ein Bröck-chen ab.«
Silbermond spürte mit einem Mal seinen Hunger und folgte dem Bettler.
Das Haus, in dem die Hochzeit gefeiert wurde, war schon von weitem zu erkennen. Die Haustür war mit einem Blumenkranz geschmückt, und von drinnen und aus dem Garten drang fröhlicher Lärm. Gleich neben der Haustür lag die Küche. Es zogen herrliche Düfte durch die Luft, Düfte von Bratfleisch und gekochtem Fisch. Silbermond lief das Wasser im Mund zusammen.
Als aber der Küchenmeister den Bettler und seinen Begleiter sah, da riß er den Schürhaken aus der Ofenglut und drohte ihnen damit.
»Macht euch fort, ihr hergelaufenes Pack«, schrie er. »Dies ist eine Hochzeit und keine Armenküche.«
Das hatte der Bräutigam gehört. Er kam in die Küche und tadelte den Küchenmeister: »Nicht so kleinlich, nicht so kleinlich. Es ist doch ein Festtag. Heute soll keiner hungrig von meiner Schwelle gehen.«
Der Küchenmeister maulte: »So reichlich habt ihr’s auch nicht. Die Weinkrüge sind schon fast leer.«
Doch der Bräutigam nahm den Bettler bei der Hand und führte ihn ins Haus. Silbermond ging den beiden nach. Es standen dort sechs steinerne Krüge, in denen noch etwas Wasser war. Sie wuschen sich damit den Staub von den Füßen.
»Weiter ins Haus kommt lieber nicht«, sagte der Bräutigam, lachte und rümpfte die Nase. »Ihr riecht nicht besonders gut.« Er führte sie in den Garten.
»Armut stinkt eben«, murrte der Bettler.
Sie ließen sich unter einem alten Ölbaum nieder. Einer der Diener brachte ihnen Brot und Fisch. Silbermond bedankte sich. Der Bettler aber war nicht zufrieden und sagte laut: »Und wie steht es mit dem Hochzeitswein? Ich möchte auf das Wohl der Braut trinken.«
»Still!« fuhr ihn der Diener an. »Halt deinen Mund! Der Wein geht zur Neige. Trinkt Wasser, ihr beiden, wenn ihr durstig seid. Dort an der Zeder, dort ist der Brunnen.«
»Wasser am Hochzeitstag!« knurrte der Bettler in seinen Bart. »Soll man vielleicht mit Wasser der Braut zutrinken, wie?«
Der Diener schüttelte unwillig den Kopf. Er ärgerte sich über den dreisten Bettler und kehrte in die Küche zurück.
Silbermond war sehr verlegen geworden und flüsterte dem Bettler zu: »Du hast Brot und Fisch, und du kannst Wasser schöpfen. Warum bist du so undankbar?«
»Zur Hochzeit gehört ein guter Wein«, ereiferte sich der Bettler.
Die Braut war in den Garten gekommen und hörte, was der Bettler sagte. Sie ging in das Haus, trat aber nach einer Weile wieder heraus und trug zwei Becher in ihren Händen. »Nehmt und trinkt«, sagte sie und reichte Silbermond und dem Bettler den Wein.
»Liebe, Glück und langes Leben!« rief der Bettler der Braut zu und trank den Becher in einem Zuge leer. »Brr!« sagte er dann und schüttelte sich. »Das soll ein Hochzeitswein sein? Sauer wie Essig ist er. Aber für uns arme Leute ist er ja gut genug.«
Die Braut schaute traurig zu Boden. »Wir sind nicht reich«, flüsterte sie.
Da stand Silbermond auf, verneigte sich vor der Braut und wünschte:
»Daß im Kasten das Brot und die Milch im Krug und Käse genug und niemals Not, daß die Schafe gedeihn und die Kinder nicht schrein, so möge es sein, darauf trink’ ich den Wein.«
Und auch er leerte den Becher und verneigte sich wieder.
»Solche Wünsche sind allezeit willkommen«, sagte die Braut und bedankte sich. Doch auch jetzt wich die Traurigkeit nicht aus ihren Augen.
»Was mag mit ihr sein?« fragte Silbermond den Bettler. »Warum ist sie an so einem Freudentag traurig?«
»Das mag an dem sauren Wein liegen«, lachte der Bettler. »Der treibt einem das Wasser in die Augen.« Aber da beugte sich ein anderer Gast zu Silbermond hinüber und tuschelte ihm zu: »Martha kommt aus einer armen Familie. Für einen teuren Wein und für einen kostbaren Brautschmuck hat es nicht gereicht.«
»Wenn es so ist«, sagte der Bettler, »dann wehe ihr, wenn die heiße Liebesflamme erst niederbrennt. Dann wird der Mann sie herumstoßen wie eine Magd.«
»Du denkst schlecht von den Menschen«, tadelte Silbermond ihn.
»Erfahrung, mein Lieber, Erfahrung«, antwortete der Bettler.
Silbermond stand auf und ging im Garten umher. Unter den Gästen fiel ihm ein Mann auf. Er mochte an die dreißig Jahre alt sein und schaute ihn liebevoll an. Silbermond wurde es warm ums Herz. Eine ältere Frau trat zu dem Mann und raunte ihm etwas zu, doch er wies sie barsch ab.
Sie aber sagte zu den Dienern: »Was er euch sagt, das tut.«
Silbermond ging weiter in den Garten hinein. Dort, wo kaum noch Gäste sich aufhielten, fand er die Braut. Sie saß auf einer Bank und starrte vor sich hin. Vorsichtig näherte Silbermond sich und fragte: »Was ist es, was dich an diesem Freudentag so traurig macht?«
Sie schaute ihn an und antwortete: »Unser Wein ist ausgegangen. Die Gäste werden über uns lachen.«
»Und warum kauft ihr keinen neuen?« fragte Silbermond.
»Wenn ich einen Brautschmuck besäße, selbst den würde ich dafür hingeben, und alle Gäste würden das Fest loben!« Sie verstummte und fuhr nach einiger Zeit niedergeschlagen fort: »Aber ich besitze keinen Brautschmuck.«
Einen Augenblick dachte Silbermond: Scher dich nicht drum, schau nicht links und schau nicht rechts. Doch die Trauer der Braut rührte an sein Herz. Er löste die goldene Kette mit der Perle, die ihm seine Mutter als das kostbarste Geschenk für den König der Könige mitgegeben hatte, und legte das Geschmeide der Braut behutsam um den Hals.
Da begannen ihre Augen zu glänzen. Sie sagte zu Silbermond: »Dich hat der Himmel geschickt.« Und sie lief ins Haus zurück.
Jetzt war Silbermond wirklich bettelarm. Alles hatte er hingegeben, den Armreif aus purem Gold, seinen bunt-gefärbten Umhang, die Brosche aus Jade, das weiche Bärenfell, das Halsband aus grünschimmernden Türkisen, die kunstvoll bestickten Schuhe aus Hirschkalbleder, die warme Mütze, die ganz mit Eiderdaunen ausgepolstert war, und auch den Beutel mit Goldkörnern. Und zuletzt schließlich noch den Brautschmuck.
Nun bin ich ganz und gar arm, dachte er. Aus der Traum vom König der Könige. Selbst wenn ich ihn fände, wie könnte ich ihm ohne Geschenke unter die Augen treten?
Er fühlte sich elend und niedergeschlagen. »Vielleicht bin ich doch einem Wahngebilde, einem Irrlicht nachgelaufen«, flüsterte er.
Tränen traten ihm in die Augen. Voller Verzweiflung hob er seinen Kopf und starrte hoch über das Haus in den Abendhimmel. Da erblickte er plötzlich durch die Tränenschleier hindurch den weißen Stern. Zum ersten Male seit Jahren sah er den Stern wieder, heller und klarer denn je. Der Schweif blitzte wie eine Handvoll Diamanten, die ins Licht geworfen werden.
Silbermond spürte seinen Herzschlag bis zum Halse. Er suchte den Bettler und wollte ihm zeigen, was er entdeckt hatte. Doch der Bettler saß nicht mehr unter dem Ölbaum. Vielleicht fröstelte es ihn in der Abendkühle, und er war ins Haus gegangen, vermutete Silbermond.
Als er am Brunnen vorbeilief, füllten die Diener gerade die sechs großen Tonkrüge, die Silbermond im Haus gesehen hatte, mit frischem Wasser.
Silbermond blieb verwundert stehen. »Sollen sich die Gäste noch einmal waschen?« fragte er.
»Was wissen wir«, sagten die Diener unwillig. »Der da drinnen, der aus Nazareth, der hat’s uns befohlen. Bis zum Rand sollen wir die Krüge füllen.«
Sie schleppten das Wasser zum Haus zurück. Die Krüge waren schwer, und Silbermond half den Dienern beim Tragen.
Der Mann aus Nazareth wartete im Haus. Es war derselbe junge Mann, der Silbermond zuvor so freundlich angeblickt hatte. Er befahl den Dienern: »Laßt den Küchenmeister probieren.«
Die Diener lachten insgeheim, schöpften aber aus den Krügen und brachten dem Küchenmeister davon. Der roch mißtrauisch an dem Trank und ließ sich einige Tropfen davon über die Zunge laufen. Dann aber verwandelte sich sein Gesicht zu einer einzigen Wonne.
Laut rief er dem Bräutigam zu: »Was für eine merkwürdige Hochzeit! Jeder schenkt zuerst den guten Wein aus. Erst wenn die Gäste genug getrunken haben, gibt es den geringeren. Du aber, Bräutigam, du hast diesen herrlichen Wein bis jetzt zurückgehalten.«
Silbermond schaute unverwandt auf den Mann aus Nazareth. Er war es, der das Wasser in Wein gewandelt hatte. Da wußte Silbermond mit einem Male, daß er den König der Könige gefunden hatte. Ganz nahe war ihm der, für den er all die Geschenke aus seiner Heimat mitgenommen hatte, vor dem er seine Knie beugen wollte. Und nun stand Silbermond mit ganz und gar leeren Händen da …
Er begann zu weinen und schlich sich dicht an den Mann aus Nazareth heran, der dem Wasser befohlen hatte, Wein zu sein. Er sank nieder und berührte heimlich sein Gewand.
»Scher dich weg, du ungebetener Gast!« fuhr ein Diener ihn an. Doch der Mann aus Nazareth legte Silbermond seine Hand auf den Kopf.
Da durchströmte Silbermond eine überaus große Freude. Ihm fielen die Worte des alten Simeon wieder ein, die die Frau in Jerusalem ihm gesagt hatte: »Nun entläßt du deinen Knecht in Frieden, denn meine Augen haben das Heil geschaut.«
Silbermond wußte es ganz sicher, der weiße Stern hatte ihn nicht irregeführt. Er war am Ziel seiner langen, langen Reise angelangt.