Das Märchen und das existentiale Dilemma – B. Bettelheim

Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen.
München,1980, DTV
 

Kinder brauchen Märchen – B. Bettelheim

Das Märchen und das existentiale Dilemma

Das Unbewußte ist eine mächtige Determinante des Verhaltens beim Kind wie beim Erwachsenen. Wenn das Unbewußte unterdrückt wird und sein Inhalt nicht ins Bewußtsein treten darf, wird entweder das Bewußtsein im Lauf der Zeit teilweise mit Derivaten dieser unbewußten Elemente überschwemmt, oder diese müssen unter so starrer, zwanghafter Kontrolle gehalten werden, daß die Persönlichkeit dabei ernsthaften Schaden erleiden kann. Wenn das unbewußte Material jedoch bis zu einem gewissen Grad ins Bewußtsein treten und in der Phantasie durchgearbeitet werden kann, verringert sich die Gefahr, daß es uns selbst oder anderen Schaden zufügt. Dann kann ein Teil seiner Kräfte positiven Zwecken dienen. Bei den meisten Eltern herrscht jedoch die Meinung vor, man müsse ein Kind von dem, was es am meisten bedrückt, ablenken, also von seinen gestaltlosen, namenlosen Ängsten und von seinen chaotischen, zornigen oder auch gewalttätigen Phantasien. Viele Eltern glauben, man sollte das Kind nur mit bewußter Wirklichkeit oder angenehmen, wunscherfüllenden Bildern konfrontieren, ihm also nur die Schokoladenseite der Dinge zeigen. Aber eine solche einseitige Wegzehrung nährt die Persönlichkeit auch nur einseitig, und das wirkliche Leben hat Schattenseiten.

Sehr viele Eltern sind nicht bereit, ihren Kindern zu sagen, daß vieles, was im Leben nicht richtig ist, seine Ursache in unserer Natur hat, in der Neigung aller Menschen, aus Zorn und Angst aggressiv, unsozial, egoistisch zu handeln. Unsere Kinder sollen vielmehr glauben, alle Menschen seien von Natur aus gut. Kinder wissen aber, daß sie nicht immer gut sind; und oft, wenn sie es sind, wären sie es lieber nicht. Dies widerspricht dem, was sie von den Eltern hören, und auf diese Weise kann ein Kind in seinen eigenen Augen zum Ungeheuer werden.

In unserer Kultur besteht die Neigung, besonders wenn es um Kinder geht, so zu tun, als existiere die dunkle Seite des Menschen nicht. Sie verkündet einen optimistischen Fortschrittsglauben. Von der Psychoanalyse erwartet man, daß sie das Leben leicht machen solle, aber dies war nicht die Absicht ihres Begründers. Ziel der Psychoanalyse ist es, dem Menschen zu helfen, das Problematische des Lebens zu akzeptieren, ohne sich davon besiegen zu lassen oder in eine eskapistische Haltung auszuweichen.

Genau diese Botschaft vermittelt das Märchen dem Kind in vielfältiger Weise: Der Kampf gegen die heftigen Schwierigkeiten des Lebens ist unvermeidlich und gehört untrennbar zur menschlichen Existenz, wenn man aber nicht davor zurückschreckt, sondern den unerwarteten und oft ungerechten Bedrängnissen standhaft gegenübertritt, überwindet man alle Hindernisse und geht schließlich als Sieger aus dem Kampf hervor.

Die modernen Geschichten, die für kleine Kinder geschrieben werden, vermeiden meist diese existentiellen Probleme, die doch für uns alle entscheidend sind. Insbesondere das Kind braucht in Symbolform gekleidete Anregungen, wie es mit diesen Fragen umgehen und sicher zur Reife heranwachsen kann. »Heile« Geschichten erwähnen weder den Tod noch das Altem als Grenzen unserer Existenz; sie sprechen auch nicht von der Sehnsucht nach ewigem Leben. Das Märchen dagegen konfrontiert das Kind mit den grundlegenden menschlichen Nöten.

So beginnen viele Märchen mit dem Tod der Mutter oder des Vaters; in diesen Märchen – die auch im wirklichen Leben – wirft der Tod eines Elternteils (oder die Angst davor) quälende Probleme auf. In anderen wird von einem alternden Vater erzählt, der beschlossen hat, die junge Generation ans Steuer zu lassen. Zuvor aber muß sich der Nachfolger als fähig und würdig erweisen. Das Märchen >Die drei Federn< beginnt mit den Worten : »Es war einmal ein König, der schickte seine drei Söhne in die Welt.« Der König war alt und schwach und wußte nicht, welchen der Söhne er zum Erben einsetzen sollte. Deshalb stellte er den drei Prinzen eine schwierige Aufgabe, und der, der sie am besten erfüllte, »sollte nach seinem Tode das Reich haben«.

Es ist charakteristisch für das Märchen, daß es ein existentielles Dilemma kurz und pointiert feststellt. Das Kind befaßt sich also mit dem Problem in seiner wesentlichen Gestalt; eine komplizierte Handlung wäre nur verwirrend. Das Märchen vereinfacht alle Situationen. Seine Gestalten sind klar gezeichnet; Einzelheiten werden nur erzählt, wenn sie sehr wichtig sind. Die Charaktere sind nicht einmalig, sondern typisch.

Im Gegensatz zum Inhalt vieler moderner Kindergeschichten ist im Märchen das Böse so gegenwärtig wie das Gute. In fast allen Märchen sind Gut und Böse in bestimmten Figuren und ihren Handlungen verkörpert – so wie Gut und Böse auch im Leben jederzeit gegenwärtig sind und wie der Hang zu beidem in jedem Menschen liegt. Gerade diese Zweiheit verursacht das moralische Problem und erfordert den Kampf um seine Lösung.

Das Böse ist nicht ohne Faszination – es wird zum Beispiel durch die Kraft des Riesen oder Drachen, die Zauberkunst der Hexe oder die Allwissenheit der Königin in >Schneewittchen< symbolisiert –, und oft gewinnt es vorübergehend die Oberhand. In vielen Märchen nimmt zeitweilig ein Usurpator den Platz ein, der rechtmäßig dem Helden zukommt. Nicht weil der Bösewicht am Ende bestraft wird, trägt die Lektüre von Märchen zur moralischen Erziehung bei – obgleich das auch dazugehört. Im Märchen wie im Leben wirkt Bestrafung oder Angst davor in begrenztem Maße abschreckend. Die Überzeugung, daß sich das Verbrechen nicht auszahlt, ist ein wirksameres Abschreckungsmittel, und aus diesem Grund unterliegt der Böse im Märchen am Ende immer. Nicht die Tatsache, daß die Tugend am Ende siegt, fördert die Moral, sondern daß der Held für das Kind am attraktivsten ist. Das Kind identifiziert sich mit dem Helden; es durchleidet mit ihm alle Mühen und Wirrsale und triumphiert mit ihm, wenn die Tugend schließlich belohnt wird. Diese Identifikation vollzieht das Kind von sich aus; die innere und äußeren Kämpfe des Helden bilden seine Moral.

Die Gestalten im Märchen sind nicht ambivalent, also nicht gut und böse zugleich, wie wir alle es in Wirklichkeit sind. Da aber Polarisierung den kindlichen Geist beherrscht, hat sie auch im Märchen Vorrang. Eine Person ist entweder gut oder böse, aber nichts dazwischen. Der eine Bruder ist dumm, der andere klug. Eine Schwester ist tugendhaft und fleißig, die anderen Schwestern sind verdorben und faul. Eine ist schön, die anderen sind häßlich. Ein Elternteil ist gut, der andere böse. Das Nebeneinander entgegengesetzter Charaktere soll nicht wie bei den Geschichten, die den warnenden Zeigefinger erheben, das richtige Verhalten hervorheben (es gibt einige Märchen ohne Moral, in denen Gutsein oder Bösesein, Schönheit oder Häßlichkeit keine Rolle spielen). Die Darstellung der charakterlichen Polaritäten erleichtert es dem Kind, den Unterschied zu erfassen, was nicht so einfach wäre, wenn die Figuren lebensechter und so komplex wie wirkliche Menschen wären. Mit Doppeldeutigkeiten muß man warten, bis aufgrund positiver Identifikationen eine relativ feste Persönlichkeit entstanden ist. Erst auf dieser Grundlage kann das Kind erkennen, daß große Unterschiede zwischen den Menschen bestehen und daß man sich deshalb entscheiden muß, wem man gleichen möchte. Diese grundlegende Entscheidung, die für die gesamte spätere Persönlichkeitsentwicklung entscheidend ist, wird durch die Polarisierung im Märchen leichter gemacht.

Heute wachsen die Kinder nicht mehr in der Sicherheit einer Großfamilie oder einer festgefugten Gemeinschaft auf. Deshalb ist es heute noch wichtiger als zu der Zeit, da die Märchen entstanden, das Kind mit Helden zu konfrontieren, die ganz allein in die Welt hinausziehen müssen und die, obwohl sie ursprünglich nichts von den letzten Dingen wissen, einen sicheren Platz in der Welt rinden, wenn sie mit tiefem innerem Vertrauen ihren Weg gehen.

Der Märchenheld ist eine Zeitlang ganz auf sich gestellt, genau wie sich auch das heutige Kind oft isoliert fühlt. Der Held erfahrt Hilfe durch die Berührung mit einfachen Dingen – einem Baum, einem Tier, der Natur -, genau so wie das Kind sich diesen Dingen näher fühlt als die meisten Erwachsenen. Das Schicksal dieser Helden verleiht dem Kind die Überzeugung: auch wenn es sich wie sie ausgestoßen und verlassen fühlen mag und sich wie sie im Dunkeln weitertasten muß, wird es wie sie im Lauf seines Lebens Schritt für Schritt geleitet und Hilfe erfahren, wenn es sie braucht. Heute mehr noch als früher bedarf das Kind der trostenden Gewißheit, die von der Imago des von aller Welt verlassenen Menschen ausgeht, der trotzdem fähig ist, sinnvolle und lohnende Beziehungen mit seiner Umgebung einzugehen.

Fortsetzung

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