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Kleiner Grenzverkehr

Wie Boris mein Freund wurde? Da muss ich ganz von vorn anfangen.

Wir wohnen in Westdeutschland, nicht weit von der deutsch-deutschen Grenze. Meine Eltern hatten sich im vergangenen Jahr ein DDR-Visum für den kleinen Grenzverkehr besorgt. Mit diesem Erlaubnisschein darf man innerhalb eines halben Jahres achtmal über die Grenze, aber nur immer einen Tag lang und nur in die Gegend, die nahe an der Grenze liegt.

Dort liegt auch der Thüringer Wald. Den wollte mein Vater schon immer durchwandern. Denn Wandern ist sein Hobby. Aber meine Mutter macht sich nicht viel aus Wandern. Die ist lieber unter Leuten. Sie unterhält sich gern. „Latsch du nur durch den Thüringer Wald“, sagte sie zu Vati. „Ich setze mich inzwischen irgendwo in ein Café.“ Und sie packte zehn Tafeln Schokolade und drei Pfund Bohnenkaffee ein: „Wenn ich mit jemandem ins Gespräch komme, kann ich ihm auch ‘ne Freude machen. Den Armen dort drüben geht’s ja so dreckig.“

An einem Sommersonntagmorgen brachen wir auf: Vati in Lederbundhose, roten Wadenstrümpfen und Jägerhut, Mutti in der neuesten Mode. Die Großmutter hatte eigentlich auch mitfahren wollen. Aber einen Tag davor hatte sie den Mut verloren. „Das Risiko ist mir zu groß“, hatte sie gemeint. „Am Ende landet man dort drüben noch im Gefängnis.“ Und sie hatte uns dringend geraten, Kleidung zum Wechseln und unsere Toilettentaschen mitzunehmen.

„Unsinn“, knurrte Vati. Aber Mutti wollte die Großmutter nicht verärgern, und so warf sie Jeans und T-Shirts für sich und mich in den Kofferraum unseres Mercedes, und für sich noch ein Paar flache Sommersandalen. Erleichtert winkte uns die Großmutter nach.

Es war schon ein komisches Gefühl, als wir durch den Grenzzaun fuhren. Bisher hatten wir immer nur davorgestanden oder waren daran entlanggewandert. Aber kaum hatten wir ihn hinter uns, sah alles ganz normal aus, Felder und Wälder und Dörfer und Menschen. Nur dass es hier weniger neue Häuser gab.

Gleich bei Eisenach fuhren wir von der Autobahn ab und geradewegs in den Thüringer Wald.

„So“, sagte Mutti zu Vati, als wir nach Bad Liebenstein kamen, „geh du jetzt wandern. Ich bleibe hier. Wann und wo treffen wir uns wieder? Und du —“, sie meinte mich, „willst du mit dem Vati gehen oder bei mir bleiben?“

Ich überlegte. Neben Vatis Riesenschritten herzukeuchen, macht keinen Spaß, und neben Mutti zu sitzen, wenn sie mit jemandem endlos diskutiert, ist zum Gähnen. Deshalb schlug ich vor, gemeinsam zu wandern und sich dabei mit anderen Wanderern zu unterhalten. Denn dann konnte Vati nicht so rasen und Mutti nicht endlos reden.

„Kein schlechter Vorschlag“, meinte Vati. „Dann siehst du auch was vom Thüringer Wald, Hilde.“

„Und du erfährst was vom Leben der Ostdeutschen, Peter“, antwortete sie. „Aber wenn wir unterwegs mit niemandem ins Gespräche kommen, mach ich nicht mehr mit. Und jetzt hab ich Durst auf was Kaltes.“

Vor einem Gartenrestaurant am Waldrand hielt Vati. Wir stiegen aus. Die Leute an den Tischen starrten uns an, vor allem Vati. Denn niemand außer ihm trug hier Leder bundhosen und rote Strümpfe. Und Muttis Mode und meine Marken-Tennisschuhe passten auch nicht hierher.

Es gab keinen freien Tisch mehr. An einem Tisch saßen zwei Paare, ein junges und ein altes. Sie unterhielten sich. Neben ihnen waren noch drei Stühle frei. Wir setzten uns zu ihnen. Da wurden sie auf einmal ganz still und versuchten, unseren Blicken nicht zu begegnen. So schnell sie konnten, zahlten sie und verschwanden. Und obwohl immer mehr Wanderer erschienen — die Plätze an unserem Tisch blieben frei.

„Das werden wir gleich haben“, sagte Mutti, ging zu unserem Mercedes, der protzig zwischen einem Wartburg und einem Lada stand, holte eine Tafel Schokolade aus dem Kofferraum und bot sie einem kleinen Mädchen an, das zwischen seinen Eltern herumhampelte. Das Kind sah verblüfft die Tafel an, dann schaute es zu seinen Eltern auf. Die aber schienen nicht erfreut über Muttis Angebot.

„Unser Kind bekommt genug Schokolade“, sagte der Mann kühl.

„Aber doch sicher keine so gute Qualität wie diese hier“, antwortete Mutti ärgerlich. „Die kommt nämlich aus dem Westen!“

„Eben drum“, sagte die Frau und zog das Kind fort. Sie drehten sich um und ließen Mutti mit der Schokolade stehen.

„Komm“, sagte Mutti zu Vati, „lass uns gehen. Wir sind hier, wie’s scheint, nicht gern gesehen. Warum nur? Wahrscheinlich wegen deiner Wandererkostümierung.“

„Erwartest du, dass ich jetzt meine Hosen ausziehe?“ fragte Vati.

Wir gingen fort, noch bevor uns die Kellnerin nach unseren Wünschen gefragt hatte, und fuhren ab. Die Leute starrten uns nach. Im Wagen rollte sich Vati verstohlen die roten Strümpfe herunter, bis sie nur noch ein schmaler Wulst über den Schuhen waren. Den Jägerhut warf er auf den Rücksitz. Das nächste Restaurant war eigentlich nur ein Kiosk mit ein paar Tischen und Bänken davor. Natürlich gafften die Leute wieder, als wir ausstiegen. Wir fanden Platz an einem Tisch, an dem schon zwei Frauen saßen. Um zu verhindern, dass sie aufstanden und weggingen, sprach Mutti sie gleich an. „Wir kommen aus Westdeutschland“, sagte sie, „und möchten gern etwas über Ihr Leben hier erfahren. Schlimm, nicht wahr? Wie halten Sie das nur aus?“

„Das hört sich an, als ob Sie schon wüssten, wie’s uns geht“, sagte die eine Frau. „Warum bleiben Sie nicht dort, wo alles so viel besser ist, statt hier mit Ihrem Wagen und Ihren modischen Kleidern herumzuprotzen?“

„Auch hier kann man zufrieden leben“, sagte die andere Frau. „Es kommt nur auf die Ansprüche an.“

Dann sprachen die beiden miteinander über ihre Kinder. So, als ob wir gar nicht da gewesen wären. Wir holten uns schnell eine kalte Limonade am Kiosk und machten dann, dass wir in den Wagen kamen.

„Blöder hätten wir’s gar nicht anfangen können“, sagte Mutti und schlug sich an die Stirn.

„Ich glaube, wir müssen hier noch ‘ne Menge lernen“, meinte Vati.

„Ich hab keine Lust mehr auf Gespräche“, sagte Mutti. „Ich wandere jetzt.“

„Aber ich“, sagte Vati, „hab jetzt Interesse daran, mich mit den Einheimischen zu unterhalten.“

Wir stellten den Wagen auf einem Parkplatz ab. Mutti zog sich die feinen Sachen aus, fuhr in ihre Jeans und zog sich das T-Shirt über. Ich schob meine Tennisschuhe unter den Beifahrersitz und ging barfuß: Mal was andres. Ziemlich schweigsam wanderten wir in Richtung Rennsteig. So heißt der berühmteste Wanderweg im Thüringer Wald. Vati und Mutti gingen Hand in Hand. Es duftete nach Himbeeren.

Nach einer Weile kamen seitlich aus einem Waldweg drei Leute: Mann, Frau, Kind. Den Jungen schätzte ich auf etwa zwölf Jahre, also ungefähr so alt wie ich. Sein Vater fragte uns, ob es hier in Richtung Rennsteig ginge, und Vati meinte, er wisse es auch nicht so genau. Beide beugten sich über eine Karte, die die Frau aus ihrem Rucksack gezogen hatte, und berieten. Inzwischen fingen die Frauen an, Himbeeren zu pflücken und zu essen und sich über die verschiedenen Herstellungsmöglichkeiten von Himbeergelee zu unterhalten. Der Junge grinste mich an. Ich grinste zurück.

Wir beschlossen, gemeinsam weiterzugehen — bis zu einem Berggasthof, den die Männer auf der Karte entdeckt hatten. Unterwegs sprachen die beiden Väter über richtiges und falsches Wandern. Einmal meinte der Mann, Vatis Led¬erhose stamme wohl aus dem Westen, und Vati antwortete mit Ja, denn das war ja nicht gelogen. Nach einer Weile stellten sie entzückt fest, dass ihr gemeinsamer Lieblingskontinent Südamerika war, und schließlich gerieten sie in eine heftige Diskussion über die beste Art, einen Komposthaufen anzulegen. Ich traute meinen Ohren nicht: Sie duzten einander!

Die beiden Frauen überholten die Männer. Sie pflückten Blumen. Sie machten sich gegenseitig auf die schönsten Blumen aufmerksam.

Worüber sie sprachen, konnte ich nicht hören. Sie lachten oft.

Der Junge und ich, wir zockelten hinterher. Inzwischen wusste ich, dass er Boris hieß, und er, dass ich Jan Falk bin. Wir aßen Himbeeren, bis wir fast platzten. Dann half er mir, einen Splitter aus der Fußsohle zu ziehen.

„Das ist aber auch eine Schnapsidee, barfuß durch den Thüringer Wald zu laufen“, sagte er und borgte mir seine ausgefransten Turnschuhe, die er im Rucksack gehabt hatte.

Wir versuchten die Himmelsrichtungen zu bestimmen. Als er mir anvertraute, dass er in Mathematik große Schwierigkeiten hat, sagte ich ihm, dass Mathe auch für mich das blödeste Fach sei.

Inzwischen hatten wir schon den Rennsteig erreicht. Fast eine halbe Stunde war vergangen, und er hatte noch nicht gemerkt, dass wir aus Westdeutschland kamen! Aber plötzlich starrte er mich entgeistert an: Mir war aus Versehen „…auf unserem Gymnasium…“ herausgerutscht. In der DDR gibt’s keine Schulen, die „Gymnasium“ heißen.

„Und jetzt?“ fragte ich bange.

„Macht doch nichts“, sagte er. „Macht gar nichts. Nur für meinen Vater wird’s schwierig. Der ist nämlich Offizier. Und bei uns hier dürfen Soldaten keinen Kontakt mit Westlern haben. Aber so, wie ich ihn kenne, wird er sich schon was einfallen lassen. Die vertragen sich doch prima, unsere Alten – oder etwa nicht?“

Und wir gingen weiter und zeigten uns gegenseitig Karate-Griffe und vergaßen ganz, dass wir eigentlich den Eisernen Vorhang zwischen uns hatten.

Als wir uns eine Weile später alle sechs auf einem gefällten Stamm ausruhten, erfuhren wir, dass Boris Eltern nun auch schon Bescheid wussten. Ziemlich betroffen saßen sie da, unsere Eltern.

„Es ist so nett mit euch gewesen“, sagte Boris’ Mutter. „Ihr seid so gar nicht wie die üblichen Westler. Und jetzt sollen wir alles abbrechen?“

„Meinst du, mir macht das Spaß, auf solche Freundschaften zu verzichten?“ fuhr Boris’ Vater sie an. „Aber ich bin nun mal Soldat, und so ein Kontakt mit Westdeutschen brächte mich in die größten Schwierigkeiten.“

„Aber ich kann doch hinter eurem Rücken machen, was ich will?“ fragte Boris seine Eltern.

Sein Vater sah ihn verdutzt an, dann fing er an zu lachen. „Natürlich kannst du!“ rief er. „Mach nur. Wir wissen von nichts — nicht wahr, Erika?“

Seine Frau blinzelte ihm zu und fragte: „Wovon sprichst du eigentlich?“

„Lass die Briefe über Tante Melitta gehen“, sagte der Vater zu Boris. „Die darf mit dem Westen korrespondieren.“

„Auch wir werden Tante Melitta lange Briefe schreiben“, sagte Vati.

Bevor wir voneinander Abschied nahmen, aßen wir noch zusammen im Berggasthof zu Mittag.

„Es könnte doch sein, dass wir noch nichts gemerkt haben“, sagte Boris’ Vater. „Man soll nichts überstürzen. Auch keinen Abschied.“

Dann gingen sie. Boris winkte noch lange. Ich hatte vergessen, dass ich noch Boris’ Schuhe anhatte. Als mir’s einfiel, waren die Bohls schon weg. Wir wanderten zurück zu unserem Wagen und fuhren mit unserer Schokolade und dem Bohnenkaffee wieder heim. Wir waren alle drei der Meinung, dass sich die Fahrt in den Thüringer Wald gelohnt hatte.

Gleich an diesem Sonntagabend schrieb ich an Boris. Seitdem sind schon viele Briefe zwischen mir und Tante Melitta hin- und hergegangen. Alles klappt prächtig. Noch siebenmal trafen wir uns im Thüringer Wald, Boris und ich — über den kleinen Grenzverkehr. „Ihr seid unsere Brücke“, hat Vati gesagt.

Unsere Eltern brachten uns nur hin. Dann trafen wir uns allein. Gleich beim ersten Mal brachte ich Boris ein Paar neue Turnschuhe mit. Die war ich ihm schuldig. Er nahm sie gern. Er fand sie toll, obwohl sie aus dem Westen waren.

Soll ich euch was verraten? Einmal haben sie sich doch getroffen, unsere Eltern. Heimlich natürlich. Wieder auf dem Rennsteig. Da wandern viele, da fällt es nicht so auf. Und Vati hatte keine Lederbundhose mehr an.

Er hat jetzt schon ein neues Visum für den kleinen Grenzverkehr bestellt – für diesen Sommer. Tante Melitta weiß es bereits.

Gudrun Pausewang

Jutta Modler (Hrsg.): Brücken Bauen.
Wien: Herder 1987

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